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„Wir sind vom Rand in die Mitte Europas gerückt“
„Die österreichische ­Wirtschaft ist seit 1982 im ­internationalen Vergleich überdurchschnittlich stark gewachsen.“ Prof. Ewald Nowotny
© Peter Schmidt

40 Jahre GEWINN

„Wir sind vom Rand in die Mitte Europas gerückt“

Der ehemalige Notenbankchef Ewald Nowotny spricht über die Erfolge, Hintergründe und gewaltigen Veränderungen in Österreichs Wirtschaft seit 1982.

Von Martin Maier

30.03.2022

Kaum einer wäre berufener, um die wirtschaftliche Entwicklung seit Gründung des ­GEWINN-Verlags im Jahr 1982 Revue passieren zu ­lassen, als  Ewald ­Nowotny: Der international anerkannte Ökonom war von 2008 bis 2019 Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank und hat davor an den Universitäten Linz, Harvard und der WU Wien unterrichtet. Von 1978 bis 1999 war er als Abgeord­neter zum Nationalrat für die SPÖ aktiv. Er ist auch ein gern gesehener Redner auf GEWINN-Messen und erfolgreicher Buchautor.

GEWINN: Österreichs Wirtschaft im Jahr 1982 und heute: Was hat sich seit ­damals verändert? Gibt es auch wesentliche Punkte, die aus Ihrer Sicht gleich geblieben sind?

Nowotny: Was sich nicht ­geändert hat, ist die geografische Lage, aber sonst hat sich sehr viel getan. Die österreichische Wirtschaft ist seit 1982 im internationalen Vergleich überdurchschnittlich stark gewachsen.  Vor 40 Jahren waren wir ein Kleinstaat aus wirtschaftlicher Sicht, jetzt können wir uns zu den mittelgroßen Volkswirtschaften zählen. Wir sind laut Zahlen vom Internationalen Währungsfonds immerhin auf Rang 28 der größten Ökonomien der Welt vorgerückt. Und in Bezug auf das Pro-Kopf-Einkommen sind wir weltweit sogar die Nummer 13, innerhalb der Europäischen Union die Nummer vier hinter Luxemburg, Irland und Niederlande, außerhalb der EU ist die Schweiz noch reicher als Österreich. Und die durchschnittliche Lebenserwartung zum Beispiel eines Mannes lag damals bei 68 Jahren, heute sind es 82. Das ist ja auch ein Indikator für eine gute Entwicklung.

GEWINN: Wo hat sich in diesem Zeitraum die Wirtschaft noch stärker, wo ­weniger stark entwickelt?

Nowotny: Das Pro-Kopf-Einkommen ist heute in Österreich höher als in Deutschland, wobei man hier ­zwischen Ost- und Westdeutschland unterscheiden muss. Im Vergleich zu Westdeutschland ist das Einkommen ungefähr gleich stark gewachsen. Die Wirtschaft in der Schweiz ist über lange Phasen stärker gewachsen und hat es geschafft, eine ganz andere Wirtschaftsstruktur mit einem hohen Anteil Hochtechnologie und Chemie zu entwickeln. Deutlich schneller gewachsen ist jedenfalls die Wirtschaft in China und den anderen aufstrebenden südostasiatischen Staaten.

GEWINN: Wie hat sich denn die Struktur der heimischen Wirtschaft entwickelt? Welche Sektoren bzw. Branchen haben an Bedeutung gewonnen, welche verloren?

Nowotny: Wir sind dem internationalen Trend gefolgt, dass der Anteil der Landwirtschaft am Sozialprodukt und an der Beschäftigung laufend zurückgeht. Wir haben einen – ähnlich wie in Deutschland – auch im internationalen Vergleich stärkeren Industriesektor. Aber am stärksten gewachsen ist auch hierzulande der Dienstleistungsbereich. In Österreich hat sich hier vor allem der Fremdenverkehr sehr dynamisch entwickelt.

GEWINN: Ist Österreichs Wirtschaft heute internationaler als damals?

Nowotny: Die Verbindung mit dem europäischen und globalen Wirtschaftsraum war damals wesentlich geringer. Es hat sich die Globalisierung erst mit dem Eintritt Chinas in die Weltwirtschaft so richtig entwickelt. Und wir waren ja bekanntermaßen noch nicht Mitglied der Europäischen Union. Die stärkere globale Vernetzung hat per saldo große Vorteile, aber auch neue Abhängigkeiten gebracht, wie wir gerade jetzt erleben müssen. 1982 waren wir an unseren Ostgrenzen noch von kommunistischen Staaten umgeben. Und die Öffnung dieser Länder hatte gerade für Österreich starke, überwiegend positive Auswirkungen. Damit sind wir in gewisser Weise vom Rand in die Mitte Europas gerückt.

GEWINN: Die Entwicklung der heimischen Exportwirtschaft wird ja häufig als großer Erfolg gefeiert.

Nowotny: Ja, von 1975 bis 1980 hatten wir im Durchschnitt ein Leistungsbilanzdefizit von 3,5 Prozent des BIPs, von 1980 bis 1985 ein Defizit von 0,7, und wir haben jetzt für 2022 laut Schätzung einen Überschuss von 0,8 Prozent des BIPs. Vor der Corona-Pandemie, im Jahr 2019, hatten wir sogar einen Leistungsbilanzüberschuss von 2,1 Prozent. Das ist ein globaler Indikator für den erfolgreichen Strukturwandel.

GEWINN: Auch am Arbeitsmarkt gab es ja eine ziemliche Dynamik, oder?

Nowotny: Ja, die Anzahl der unselbständig Beschäftigten betrug im Jahr 1982 rund 2,8 Millionen, heute sind es 3,8 Millionen. Ein wesentlicher Teil des Zuwachses ist dabei auf Zuwanderung zurückzuführen. So hatten wir damals 156.000 ausländische Arbeitskräfte in Österreich, heute sind es 840.000. Wobei die Dynamik in Zukunft nicht anhalten wird, weil die Zuwanderung aus Süd- und Osteuropa mit dem steigenden Einkommen in diesen Regionen zurückgeht. Was hier von der Ukraine auf zu uns zukommt, ist heute noch nicht abschätzbar.

Die stärkere globale Vernetzung hat per saldo große Vorteile, aber auch neue Abhängigkeiten gebracht, wie wir gerade jetzt erleben müssen.
Prof. Ewald Nowotny

GEWINN: Ist auch die ­Produktivität gestiegen?

Nowotny: Ja, beides ist ­gestiegen. Das war ja das Geheimnis unseres Erfolgs. Die Beschäftigung wird weiterhin zunehmen, wenn auch etwas schwächer, weil aufgrund der demografischen Entwicklung der Anteil der Personen im Arbeitsalter sinkt. Daher gibt es auch Bestrebungen, wie man Frauen den Zugang erleichtern und qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland heranziehen kann. Das ist eine massive Herausfor­derung, weil sich die Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte immer ­stärker als limitierender Faktor zeigt.

GEWINN: In Österreich wird ja immer die Bedeutung der Klein- und Mittelbetriebe für die Gesamtwirtschaft betont. War das damals auch schon?

Nowotny: Es gab 1982 einen größeren Anteil an Klein- und Mittelbetrieben, wenn man allein nur an den ­Handel oder die Finanzdienstleistungen denkt, wo es ­einen massiven Struk­turwandel gegeben hat. Es hat sich jedenfalls in den 40 Jahren immer wieder ­gezeigt, dass man aber dennoch ein paar Großbetriebe braucht, die quasi als „Flugzeugträger“ für kleinere Betriebe fungieren.

GEWINN: Viele dieser Großbetriebe waren damals ja in staatlicher Hand, heute ist der Staat nur mehr an wenigen Betrieben und in geringerem Umfang beteiligt. Halten Sie staatliche Beteiligungen weiterhin für sinnvoll?

Nowotny: Wenn es Unternehmen sind, die im internationalen Wettbewerb stehen, ist das staatliche Eigentum keine wirkliche Notwendigkeit. Je stärker es ­allerdings die Infrastruktur betrifft und eine Grundlage für die nationale Wirtschaft ist, desto wichtiger ist es, ­eine Möglichkeit zu haben, gesamtstaatliche Interessen einzubringen. Diese Diskussion wird gerade auf EU-Ebene unter dem Schlagwort „wirtschaftliche Souveränität“ geführt. Wie so oft kann etwas Gutes oder Schlechtes dabei herauskommen. Es darf kein Vorwand für Protektionismus sein, aber es kann sinnvoll sein, um sich eine wirtschaftliche Handlungsfähigkeit zu bewahren.

GEWINN: Was waren die wesentlichsten wirtschaftlichen Ereignisse bzw. ­Entwicklungen seit 1982?

Nowotny: Chronologisch gesehen war das der Eintritt in eine globalisierte Weltwirtschaft. In Österreich ­haben wir in den 1980ern ­eine Krise der Stahl- bzw. Grundstoffindustrie erlebt, von der ausgehend man die Chancen der Globalisierung ergriffen und sich etwa durch den Aufbau einer Autozulieferindustrie oder der Biotechnologie weiterentwickelt hat. Dann kam der Beitritt zur EFTA und später der EU-Beitritt am 1. Jänner 1995. Wir wurden 1999 auch Mitglied der Europäischen Währungsunion. Schon seit längerer Zeit haben wir die Herausforderung der notwendigen Ökologisierung der Wirtschaft. Und dazwischen gab es ­immer wieder Krisen, wie etwa die Finanzkrise 2008 und 2009, die hat Österreich vergleichsweise gut überstanden hat. Eine heikle Angelegenheit war die darauf folgende Krise der Banken in Österreich. Die heimischen Banken hatten vor 2008 deutlich zu niedrige Eigenkapitalquoten. Man hat aus dem gelernt. Per saldo ist es sicherlich richtig, dass Banken heute mit viel höherem Eigenkapital und Liquidität arbeiten müssen als früher.

GEWINN: Welche wirtschaftspolitischen Entscheidungen haben sich als richtig herausgestellt, welche waren rückblickend Fehlentscheidungen?

Nowotny: Der Beitritt zur EU und später zur Währungsunion waren richtige Weichenstellungen. Die Strukturanpassung weg von der hohen Grundstofflastigkeit hätte man durchaus eher und rascher machen können. Wo wir noch aufholen sollten, ist der Transfer von den Universitäten in die Wirtschaft, der in der Schweiz etwa deutlich leichter und rascher vor sich geht.

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