Hauptinhalt

Schnelle Hilfe bei Verkehrsunfällen © KatarzynaBialasiewicz – GettyImages.com

Unfallhilfe-Start-ups

Schnelle Hilfe bei Verkehrsunfällen

Überholspur statt Pannenstreifen: Die österreichischen Start-ups Seqrid, iWarn und Schaden-Manager.com möchten Lenker von Kraftfahrzeugen vor brenzligen Situationen schützen und unterstützen, wenn es doch einmal kracht. Was deren Produkte können und wie sie helfen.

Von Katharina Thalhammer

04.09.2022

Ein Notfalleinsatz in Oberösterreich. Nahe Wels auf der Schnellbahn liegt ein umgekipptes Auto. Die Pkw-Lenkerin war am frühen Morgen mit ihren Kindern zum Arzt gefahren und auf glatter Fahrbahn ins  Schleudern gekommen. Thomas Emrich konnte die Mutter seitlich eingeklemmt finden. Sie war bewusstlos. Ihre Kinder standen unter Schock. Fast 25 Jahre arbeitet Emrich für den Rettungsdienst. Er verkörpert das Ideal eines Helfers wie kein anderer.

Adäquate Hilfe dank QR-Code 

Das Leben der Menschen zu retten, ist  für Emrich quasi Daily Business. Weil  es aber in Notfallsituationen häufig an notwendigen Informationen fehlt, entwickelte er gemeinsam mit einem ehemaligen Schulfreund und IT-Spezialisten 2018 mit „Seqrid“ eine Schutzpassplattform, auf der Informationen wie etwa Kontaktperson, Allergien oder benötigte Medikamente hinterlegt werden können. Auf den Namen kamen sie ganz einfach: „Dabei handelt es sich um eine Wortkombination aus Security, QR (Quick Response) und ID (Identity Document). Schutzbietend, blitzschnell und digital“, erklärt Emrich. Das sind zudem genau jene Eigenschaften, für die Emrichs Firma mit aktuell rund 10.000 registrierten Nutzern stehen soll. Auch wenn er ursprünglich den Straßenverkehr im Blick hatte, richtet sich  Seqrid mittlerweile an Familien, ältere  Personen und Extremsportler. Denn: Ein Notfall kann sich plötzlich, jederzeit und überall ereignen. Wie das  Ganze funktioniert? Über einen QR-Code kann der Schutzpass im Fall der Fälle vom Ersthelfer einfach abgerufen werden. Jede Abfrage ist außerdem für die Code-Besitzer nachvollziehbar – so kann bei Datenmissbrauch rasch reagiert werden.

Expertenpower soll Seqrid pushen  

Wählt man als Nutzer die Gratisversion, kann der QR-Code ausgedruckt und beliebig platziert werden, zum Beispiel auf dem Motorrad- oder Skihelm. Man kann diesen auch mit einem Silikon-, Meshstoff-, Lederarmband oder einem Trackeraufschieber (auch im eigenen Onlineshop unter shop.seqrid.com ab 20 Euro erhältlich) kombinieren. „Handgelenk und Kopf sind zwei Stellen, die Sanitäter bei Routinekontrollen immer berücksichtigen“, so der 49-Jährige. Mit der kostenpflichtigen Variante Seqrid Plus+ gibt es bis zu fünf Schutzpässe, die der Nutzer über ein Konto verwalten kann. Er erhält auch unverzüglich die Info, wo ein QR-Scan durchgeführt wurde, eine Karten-App führt zum Unfall- bzw. Notfallort. Das ist zum Beispiel dann Gold wert, wenn man im Zuge einer großen Menschenansammlung ungeplant von seinem Kind getrennt wird. Und es stehen 15 Sprachen zur Auswahl. Diese Zusatzfunktionen kosten 2,90 Euro im Monat.

Die Firma läuft, aber es könnte noch besser sein. Unternehmer Laurenz Hoffmann und Sportwissenschaftler Manfred Simonitsch möchten das Start-up mit ihren vertrieblichen Stärken rentabel machen. Auch  Winzer Leo Hillinger investierte  200.000 Euro. Die Kooperation mit einem internationalen Handschuhhersteller ist hingegen aufgrund der pandemiebedingten Beschaffungsprobleme ins Stocken geraten. 

QR-Code-Abruf mit Mobiltelefon
Seqrid: Mittels QR-Code-Abruf können Ersthelfer auf notwendige Daten zugreifen.© Seqrid
iWarn Produkt in verschiedenen Farben
Mit iWarn soll u.a. die Sichtbarkeit von verunfallten Fahrzeugen erhöht werden.© www.lunghammer.at/Jimmy Lunghammer

Leuchtende Aussichten

Krisen erwähnt auch iWarn-Gründer Thomas Stelzl. Ein mehrfacher Preisanstieg und fehlende Investoren hinderten das Grazer Unternehmen bisher daran, richtig durchzustarten. Die einzige Chance: „Mit Bauteilen zu arbeiten, die auf dem Markt noch zu vernünftigen Preisen zu bekommen sind.“ Insgesamt sind es 180, die Stelzl für seine Erfindung benötigt. Seit 2017 bietet er eine in der Steiermark hergestellte, kreuzförmige und rote Notfallwarnleuchte mit GPS und Funkverbindung an. Ein wesentlicher Kooperationspartner ist das Telekommunikationsunternehmen Magenta. Wie es dazu gekommen ist? Der ehrenamtliche Exrettungssanitäter erzählt von einem Schockerlebnis: „Ein Reifen platzte in der Nacht auf der Autobahn. Das Fahrzeug geriet ins Schleudern und blieb auf der mittleren Fahrspur stehen. Die Insassen überlebten den Unfall unbeschadet. Sie blieben beim Auto und versuchten, es abzusichern. Kurz darauf fuhr ein Lenker in das stehende Unfallfahrzeug, und alle waren tot. Danach fragte ich mich: ‚Die Autos werden immer moderner, warum das 80 Jahre alte Pannendreieck nicht?“

Von der Idee bis zum finalen Produkt dauerte es zwölf Jahre und brauchte es 750.000 Euro. Freunde halfen dem 58-Jährigen bei der Finanzierung. Ende 2022 soll der Roll-out erfolgen. Die Kosten liegen je nach Produktausführung (Basisprodukt mit Leuchtfunktion oder Variante mit E-Call-System, also GPS und Funkverbindung für Hilferufe in fast ganz Europa) bei 99 bis 180 Euro. Verkauft werden soll ab Spätherbst zunächst über den eigenen Onlineshop.

Pannendreieck mit Schwächen

Thomas Stelzl kritisiert die derzeitige Art der Unfallabsicherung auf der Straße. So sei das am Boden positionierte Pannendreieck nicht immer für alle Autos sichtbar. Stehe das Fahrzeug quer, sei die Warnblinkanlage nutzlos. Anders ist es bei iWarn: „Es hat die derzeit stärkste Leuchtwirkung auf dem Markt und wird mit einem Magnetfuß auf dem Dach befestigt.“ 21 Hochleistungs-LEDs, verbunden mit speziellen Vorsatzoptiken, kommen zum Einsatz. Was das genau bewirkt? Stelzl zeigt es beim Gespräch mit dem GEWINN vor: Je weiter er sich mit dem Produkt entfernt, desto intensiver nimmt man das Licht wahr. Weitere Funktionen sind auch die Signalfolgen wie etwa Hinweiszeichen, die nach links oder nach rechts zeigen, um den Verkehr umzuleiten.

Die smarte Warnleuchte hat man in österreichischen Städten getestet. Stelzl hat Bilder dabei: vom Grazer Schlossberg oder vom Silvesterpfad 2019 in Wien, wo man die Ausgänge mit einem grünen Pfeil kennzeichnete. iWarn ist also nicht nur für Endverbraucher sinnvoll – für die Polizei und für Baustellen gibt es blaue und gelbe Versionen, damit es auf den Straßen noch besser flutscht.

Wie die Schadenabwicklung klappt

Wenn es dann doch einmal kracht, will der Wiener Schaden-Manager.com- Gründer Johannes Kainz Abhilfe schaffen. Die Gesellschaft mit beschränkter Haftung, die auch als KFZ Pflaster bekannt ist, gibt es seit knapp zehn Jahren. 30.000 bis 40.000 Österreicher haben die selbstentwickelte Plattform für Schäden am Auto oder im Zuhause bisher genutzt. Vier Jahre hat es gebraucht, bis sie den Kundenwünschen entsprochen hat. „Schadenabwicklung kostet Makler, Agenturen oder Versicherungen nur Geld und Zeit. Wir helfen unseren Partnern hier und holen deren Kunden dort ab.“ Der 38-jährige ehemalige Versicherungsmakler erklärt, was sein aus eigener Tasche finanziertes Produkt so besonders macht: „Über unseren digitalen Unfallbericht können die Beteiligten kostenlos ihre Daten erfassen, die Kontrahenten ergänzen sowie gleichzeitig Bilder und Skizzen hochladen. Zum Schluss unterschreiben die Betroffenen, und der Bericht wird an alle – inklusive auch deren Versicherungen – verschickt.“ Künstliche Intelligenz hilft dabei, Partnerbetriebe in der Nähe zu finden, die zeitnah einen Termin für Besichtigung und Reparatur anbieten können. Im Moment sind es österreichweit 286.

Ein weiterer Vorteil: Ab einem Reparaturbetrag im mittleren dreistelligen Bereich sparen Kaskokunden 100 Euro Selbstbehalt. Knapp 2.500 Makler und Versicherungsriesen wie Uniqa, Ergo und Grawe gehören zu den selbst angesprochenen Kooperationspartnern, die Schäden über Schaden-Manager.com abwickeln lassen bzw. ihre Kunden zur Abwicklung auf die Website verweisen. Das sechsköpfige Unternehmen erhält von diesen eine Gebühr. Der Umsatz beläuft sich aktuell auf sechs Millionen Euro. In Zukunft will man auch Endkunden direkt ansprechen und arbeitet aktuell an der Erweiterung des Geschäftsmodells.

Weitere Artikel

GEWINN September 2022

Start-ups bei Investoren beliebt

Laut aktuellen Daten des EY Investment Barometers haben österreichische Jungunternehmen im ersten...

Weiterlesen: Start-ups bei Investoren beliebt
GEWINN Oktober 2022 Exklusiv für GEWINN-Abonnenten

Es gibt sie noch, die Gratiskonten

Der aktuelle Überblick zeigt: Wer ein Gratiskonto möchte, wird fündig – solange er keine Dienste am...

Weiterlesen: Es gibt sie noch, die Gratiskonten
GEWINN Oktober 2022

Umstieg auf die Viertagewoche – das sollten Sie beachten

Die Viertagewoche ist in aller Munde. Immer mehr Unternehmen vom Kleinbetrieb bis zum Großkonzern...

Weiterlesen: Umstieg auf die Viertagewoche – das sollten Sie beachten