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„Inflationsraten sollten schnell zurückgehen!“
„Wir haben einen positiven Blick auf die Aktienmärkte für 2022.“
© Union Investment

Interview

„Inflationsraten sollten schnell zurückgehen!“

Jörg Zeuner, Chefvolkswirt von Union Investment, ist optimistisch, dass die Erholung auch heuer weitergehen kann, weil die Wirtschaft nicht mehr so sensibel auf die Pandemie reagiere wie noch 2020.

Von Martin Maier

11.01.2022

GEWINN: Kann die Weltwirtschaft den Aufschwung auch im weiteren Jahresverlauf 2022 fortsetzen?

Zeuner: Ja, dieses Jahr wird im historischen Vergleich sehr gut, weil die Erholung von der Pandemie natürlich weiter voranschreiten wird. Hier ist noch viel Potenzial sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite. Kurzfristig wird zwar das Wachstum  im Winter durch Lockdowns belastet. Aber das ist nur eine Zwischenphase. Spätestens in der zweiten Jahreshälfte werden wir das hohe Wachstumstempo wieder aufnehmen.

GEWINN: Verläuft diese wirtschaftliche Erholung in den großen Wirtschaftsregionen ähnlich?

Zeuner: In Bezug auf die großen Regionen würde ich eher von einem Jahr der Angleichung sprechen. In den USA und in Europa gehen wir von Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts von vier bis fünf Prozent aus. Das ist im historischen Vergleich hoch. Dagegen sehen wir in China aufgrund des Umbaus der Volkswirtschaft, also insbesondere durch die Umgestaltung und Neuausrichtung im Immobiliensektor und aufgrund des hohen Entwicklungsstands Chinas eher einen Rückgang der Wachstumsraten in Richtung fünf Prozent. Insofern ist es eher eine Angleichung der Wachstumsraten.

GEWINN: Wie lange wird es dauern, bis die Volkswirtschaften nicht nur den Rückgang in der Corona-Pandemie, sondern auch das entgangene Wirtschaftswachstum aufgeholt haben?

Zeuner: In den USA hat man das bereits erreicht. Dort ist das Volkseinkommen schon über das Niveau gestiegen, das es vor der Pandemie hatte, als ob die Wirtschaft der USA normal weiter gewachsen wäre. Man könnte sagen, die USA sind schon wieder eingeschwenkt auf einen Wachstumspfad – um den Preis der höheren Inflation. Wir Europäer sind jetzt zwar nahe dran, das Niveau zu erreichen, das wir vor der Pandemie hatten. Aber von einem Wachstumspfad, so als ob es die Pandemie nicht gegeben hätte, davon sind wir noch ein bisschen entfernt.
 
GEWINN: Was sind aus heutiger Sicht die wichtigsten Faktoren bei Wirtschaftsprognosen für 2022?

Zeuner: Zurzeit ist sicherlich noch die Pandemie und ihre weitere Entwicklung über die nächsten sechs bis neun Monate an ganz vorderster Stelle. Dabei werden die Immunisierungsraten, also die Impfquoten, ein wichtiger Faktor bleiben, ob wir weiterhin im Stop-and-go-Modus unterwegs sind oder ob wir hier auf eine dauerhaftere und somit für die Unternehmen leichter planbare Fahrt einschwenken – gerade in jenen Ländern, wo die Impfquote noch nicht deutlich über die 70 Prozent hinaus gegangen ist. Gleichzeitig muss man aber festhalten, dass die Wirtschaft nicht mehr so sensibel reagiert wie noch im Jahr 2020. Und flächende­ckende Lockdowns sind in Regionen mit einer Impfquote von über 70 Prozent auch nicht mehr sehr wahrscheinlich.

Mann im Anzug und mit Brille

Jörg Zeuner, Union Investment:
Ja, dieses Jahr wird im historischen Vergleich sehr gut, weil die wirtschaftliche Erholung von der Pandemie noch voranschreiten wird.

© Union Investment

GEWINN: Welche Rolle spielen die Angebotsengpässe, die der Wirtschaft im vorigen Jahr das Leben zum Teil sehr schwer gemacht haben?

Zeuner: Zum Glück sehen wir hier  bereits Anzeichen einer Entspannung. Etwa am Hafen Los Angeles, wo ein Engpass für enorme Verzögerungen gesorgt hatte. Auch die Preise für ­Containertransporte gehen nach einem starken Anstieg aktuell wieder ­etwas zurück. Ebenso sehen wir bei den Energiepreisen aktuell keinen weiteren Anstieg. Die Situation auf dem Halbleitermarkt  entspannt sich ebenfalls. Die Autoproduktion in Deutschland kann wieder flotter fortgesetzt werden – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Corona und die Angebotsengpässe sind somit zwei Faktoren, die für Wachstum und Inflation im heurigen Jahr eine große Rolle spielen.

GEWINN: Staaten und Notenbanken haben sehr rasch und umfangreich auf die Pandemie reagiert und viel Geld in den Markt gepumpt. Waren diese Hilfsmaßnahmen aus Ihrer Sicht zielführend und ausreichend oder vielleicht sogar überschießend, wie manche meinen?

Zeuner: Diese Maßnahmen waren auf jeden Fall richtig und zielführend. Wenn wir Unternehmen, vor allen Dingen auch Dienstleister, kleine und mittlere Unternehmen, hier nicht unterstützt hätten, dann wären sie jetzt eben nicht mehr da. Und ein einmal geschlossenes Unternehmen dann wieder zu eröffnen, ist eben um einiges schwieriger, als halbwegs gut durch die Pandemie zu kommen. Für den Euro-Raum würde ich auch keine übermäßigen Hilfen sehen, weil sie weniger diskretionär in einem Parlament entschieden werden, und bei uns viel über automatische Stabilisatoren geholfen wurde – also einfache Mechanismen, die im Krisenfall automatisch in Gang kommen. Das bes­te Beispiel ist hier das Kurzarbeitsgeld.

GEWINN: Kritiker bemängeln, dass es sehr viele Trittbrettfahrer gegeben haben soll . . .

Zeuner: Die Hilfen sind sehr rasch ausgezahlt worden und sind mit Sicherheit nicht alle immer an die richtige Adresse gegangen oder unter richtigen Voraussetzungen ausgezahlt worden. Aber in Summe war der Bedarf groß und die Beträge, die hier ausgezahlt wurden, waren richtigerweise auch entsprechend groß.

GEWINN: Ist der aktuelle, starke Anstieg der Inflation ein Grund zur Beunruhigung?

Zeuner: Ich glaube, dass wir die schlimmsten Zahlen bereits im November bzw. Dezember 2021 gesehen haben. Jetzt sollten die Inflationsraten schnell zurückgehen. Das heißt zwar, dass die Kaufkraft weiter geschwächt bleibt, aber es kommen keine neuen Anstiege hinzu. Man darf dabei jedoch nicht vergessen, dass die Basis für diese hohe Inflation darin liegt, dass die Güter- und Energiepreise aufgrund der Pandemie im Vergleichszeitraum 2020 zu niedrig waren.

GEWINN: Ein wesentlicher Faktor für die langfristige Entwicklung von Aktienkursen ist die Gewinnentwicklung der Unternehmen. Wie könnte die Gewinnentwicklung in den kommenden ein, zwei Jahren aussehen?

Zeuner: Wir erwarten für globale Aktien im kommenden Jahr ein Gewinnwachstum von etwa acht Prozent. Und auf dieser Basis haben wir für 2022 auch einen positiven Blick auf die ­Aktienmärkte. Sind die Aufholeffekte durch die Verbesserung der ­Lieferkettenproblematik größer und sehen wir geringere Lockdown-Maßnahmen, dann ist auch ein zweistelliger Gewinnanstieg möglich. Analog zu unseren BIP-Wachstumserwartungen gehen wir beim Gewinn­wachs­tum nicht von gro­ßen regionalen Unterschieden aus. Lediglich in den Schwellenländern sollte die Dynamik verglichen mit den Indust­rieländern etwas geringer ausfallen.

 

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