Hauptinhalt

Handel ist Wandel© GEWINN

MMM-Fachtagung

Handel ist Wandel

Fachkräftemangel, Verteuerungen bei Energie und Rohstoffen sowie eine inflationsbedingte Kaufzurückhaltung machen innovative Ideen unumgänglich. Ob Billa-Kaufleute-Modell, spirituelle Manager oder Roboter in der Reinigung, die MMM-Fachtagung lieferte ein Potpourri der neuesten Trends im Handel.

Von Michaela Schellner

01.12.2022

Das viel zitierte Sprichwort „Handel ist Wandel“ mag vielleicht abgedroschen klingen, bestätigt sich aber immer wieder. Auch aktuell, denn seit über 2,5 Jahren geht es für Händler, Markenartikler und Dienstleister permanent darum, sich auf neue Gegebenheiten einzustellen. Nach einer Coronapandemie mit volatilen Lieferketten, Hamsterkäufen und enormen Zuwachsraten  im Onlinehandel hat der Krieg in der Ukraine erneut für Turbulenzen gesorgt und ganze Geschäftsmodelle ins Wanken gebracht. Energiekrise, explodierende Rohstoffkosten, Rekordinflation und Fachkräftemangel – noch nie gab es so viele Herausforderungen gleichzeitig zu meistern. Wieder einmal hat sich zudem gezeigt, dass zu große Abhängigkeiten von anderen schnell gefährlich werden können – Stichwort russisches Gas.

Porträt Georg Wailand
Georg Wailand, GEWINN-Herausgeber und Präsident MMM Club Österreich.© GEWINN

Hochkarätige Referenten

All diese Themen lieferten die Basis für ein hochkarätiges Programm der MMM-Fachtagung zu den neuesten Trends im Handel, die vom MMM Club Österreich und vom Wirtschaftsmagazin GEWINN zweimal pro Jahr veranstaltet wird. Georg Wailand, GEWINN-Herausgeber und Präsident des MMM Club Österreich, freute sich über das rege Teilnehmerinteresse und konnte zahlreiche Gäste im Hotel Arcotel Wimberger in Wien Neubau begrüßen. Dass sowohl Spar-Aufsichtsratspräsident Gerhard Drexel als auch Rewe-International-Vorstand Marcel Haraszti bei einer Veranstaltung vertreten waren, sorgte schon im Vorfeld für Spannung, ebenso wie der Einsatz von Robotern in der Reinigung, das Thema Wein in Österreich, ein aktuelles Update zur Energiesituation bei Öl, Gas und Strom sowie die neuesten Entwicklungen beim Thema  Zahlungsmodalitäten.

Nur Bares ist Wahres

Über Letztere sprach Gerhard Starsich, Generaldirektor Münze Österreich, nicht ohne dabei die Vorteile der Barzahlung im Vergleich zu Kredit-, Debitkarten, Kryptowährungen und Zahlsystemen wie Paypal in den Fokus zu rücken. „Bargeld ist geprägte Freiheit. Die Möglichkeit, bar bezahlen zu können, muss erhalten bleiben“, so sein Appell. Handelsketten, in denen Barzahlung nicht mehr möglich ist, könne er nichts abgewinnen.

Ihm zufolge sei die Nutzung von Bargeld nicht nur nachhaltig (geringer Energieverbrauch, 50 Jahre Nutzungsdauer einer Münze), schlau (besserer Überblick über die Ausgaben), sicher (weil infrastrukturfrei und damit auch im Falle eines Blackouts möglich), schnell (Zahlvorgang dauert durchschnittlich 19,61 Sekunden) und günstig (keine Kosten für Buchungszeilen oder Bankomatkarte), sondern schütze auch die eigenen persönlichen Daten. Zudem fördere Barzahlung den Wirtschaftsstandort Österreich und sichere Jobs. Rückendeckung bekommt Starsich nicht nur von einer Umfrage (Juni 2021) im Auftrag des BMF unter 1.000 Österreichern ab 16 Jahren, bei der sich 87 Prozent für eine Beibehaltung der Möglichkeit der Bargeldzahlung aussprachen, sondern auch vom im September 2022 initiierten Bargeldvolksbegehren, das mit fast 531.000 Unterschriften das viert erfolgreichste seit 20 Jahren ist.

Weinland Österreich

Über Erfolge für österreichischen Wein sprach Chris Yorke, Geschäftsführer der Österreich Wein Marketing GmbH (ÖWM). Die 1986 gegründete und von Winzern, den vier Bundesländern Niederösterreich, Burgenland, Steiermark und Wien sowie über Fördermittel der EU finanzierte Servicegesellschaft unterstützt und koordiniert die strategischen Bemühungen der österreichischen Weinwirtschaft um Qualität und Verkauf.

Im Ausland werden mit Wein aus Österreich 217,3 Millionen Euro erwirtschaftet, die Exportmenge liegt bei 70,1 Millionen Liter. Größter Exportmarkt ist Deutschland (43,7 %), gefolgt von der Schweiz (10,84 %) und den USA (8,7 %). Um auch weitere Regionen wie etwa Skandinavien, Großbritannien, Kanada oder auch Asien noch mehr mit österreichischem Wein zu begeistern, will die ÖWM die Alpenrepublik über internationale Kooperationen, Messen oder auch Masterclasses verstärkt als hochwertiges, umweltbewusstes Land positionieren. In Österreich wiederum stehe u. a. der Ausbau der Partnerschaften mit Handel, Fachhandel und Gastronomie an. Eine Lanze brach Yorke zum Abschluss für den neuen Riedenatlas riedenkarten.at, wo sich Weininteressierte detailreich über die heimischen Weinbaugebiete informieren können.

Porträt Starsich
Gerhard Starsich, Generaldirektor Münze Österreich.© GEWINN
Porträt Christian Yorke
Christian Yorke, Geschäftsführer Österreich Wein Marketing.© GEWINN

Die MMM-Fachtagung

Seit 1985 veranstaltet Georg Wailand, GEWINN-Herausgeber und Präsident des MMM Club Österreich, die MMM-Fachtagungen, die sich als gemeinnützige, unabhängige Plattform für aktuelles Wissen aus der Handelsszene, für Markenartikler und die passende Industrie etabliert haben. MMM steht für Moderne Markt Methoden. Die Veranstaltung fand am 15. November im Arcotel Wimberger in Wien Neubau statt.

Porträt Bernd Zierhut
Bernd Zierhut, Geschäftsführer Doppler Gruppe.© GEWINN

Diversifizierung im Energiemix

Ein aktuelles Update zur Lage auf den Öl-, Gas- und Strommärkten lieferte Bernd Zierhut, Geschäftsführer der Doppler Gruppe. Zur Marktsituation in Österreich und der EU hielt er fest, dass die Versorgung mit Gas mit den momentanen Speicherständen hierzulande für den kommenden Winter gesichert sei und die Großhandelspreise seit August 2022 wieder fallen. Die Panik am Markt habe nachgelassen, dennoch müsse insbesondere Österreich rasch handeln, um gut für den Winter 2023/2024 gerüstet zu sein. Eine Abhängigkeit von russischen Lieferungen in Höhe von 80 Prozent sei nicht akzeptabel und fordere eine massive Umstellung. Noch düsterer ist das Bild, das Zierhut beim Thema Stromversorgung zeichnet. „In Teilen Europas wird diese im Winter 2022/23 kritisch sein.“ Als Grund dafür führt er die zahlreichen nicht in Betrieb seienden KKW in Frankreich an, was wiederum massive Stromimporte aus Deutschland notwendig mache. Deutschland könne aber mit nur drei im Einsatz befindlichen KKW die Stromversorgung im Worst-Case-Szenario nicht gewährleisten. Um hier zukünftig gegenzusteuern, müsse der Fokus der Energiepolitik bei Energiearten und Bezugsquellen auf Diversif izierung liegen. Alle Eier in einen  Korb zu legen, hält Zierhut für fahrlässig. „Denn wenn der Korb verschwunden ist, ist in einem Blackout-Szenario am Ende alles weg.“ 

Porträt Gerhard Drexel
Gerhard Drexel, Aufsichtsratsvorsitzender Spar.© GEWINN

Es braucht mehr spirituelle Manager

Nach wie vor nicht weg bei Spar ist die Marktführerschaft, wie Aufsichtsratspräsident Gerhard Drexel stolz erzählte. 2020 gelang es dem Lebensmittelhändler erstmals, die langjährige Nummer eins, Rewe (Billa, Billa Plus, Adeg, Sutterlüty, Penny, Bipa), zu überholen. Bezugnehmend auf die jüngsten Marktforschungszahlen von Jänner bis September 2022 halte man derzeit bei 36,1 Prozent Marktanteil und liege damit 2,6 Prozent vor seinem härtesten Rivalen. Zurückzuführen sei dieser Erfolg auf den ganz eigenen Spar-Spirit, der auf einer von Vertrauen und Wertschätzung geprägten Unternehmenskultur beruhe. „Management und Spirit schließen einander nicht aus“, ist Drexel übe rzeugt. Besonders bedeutend sei es zudem, die eigenen Mitarbeiter über alles zu stellen und sich nicht mit Ja-Sagern zu umgeben. „Was dann passiert, sieht man in der Politik bei den Diktatoren deutlich“, so Drexel nachdenklich. Ihm  sei es wichtiger, seine Mitarbeiter „zu  ermächtigen“, sie aus dem Stand-byModus zu holen und sie auch auf ihr Bauchgefühl hören zu lassen. „Wenn diese Kultur vorherrschend ist, dann verändert sich die Einstellung der Menschen zu ihrer Arbeit, und sie kommen vom Sollen ins Wollen“, macht Drexel deutlich.

Von Robotern und Drohnen

Viktor Wagner, Eigentümer Reiwag Facility Services, ist ebenfalls stolz auf seine Mitarbeiter, kämpft aber wie die ganze Branche mit einem Arbeitskräftemangel. Eine Lösung dafür könnte der Einsatz von Robotik im Facility Management bringen, den das in Österreich, Tschechien, der Slowakei, Kroatien, Rumänien und Serbien tätige Unternehmen auch eifrig testet. Zu diesem Zweck hat Reiwag Ende 2020 Reiwag Limited Singapore gegründet und sich als Lead Investor an der als innovativster Erzeuger von Reinigungsrobotern geltenden Firma Lions Bot aus Singapur beteiligt. Im Einsatz sind die Roboter auch schon hierzulande bei Obi in Wien, in der Millenium City und der WKO Wien. Auch im Lebensmittelhandel wünsche sich die Reiwag die Nutzung solcher Reinigungsroboter – erste Anfragen aus Deutschland von Kaufland und Lidl hätte man bereits erhalten. In Österreich sei man ebenfalls an Testern interessiert, betonte Wagner.

Erste Billa-Kaufleute am Netz

Mit diesem Angebot konnte Wagner gleich vor Ort Rewe-International-Vorstand Marcel Haraszti begeistern, für den ein Test der Roboter bei Billa Plus durchaus vorstellbar ist. Dass sich der Manager nicht scheut, Prozesse neu aufzusetzen, stellt er beim Lebensmittelhändler seit 2016 eindrucksvoll unter Beweis – Ende der Marke Merkur  inklusive. Jüngster Coup der Rewe ist  ein neues Kaufleute-Modell, mit dem  man das in der Firmen-DNA verankerte Unternehmertum noch stärker forcieren möchte. Zusätzlich zu den  selbstständigen Adeg-Kaufleuten gibt  es nun mit den Billa-Kaufleuten ein  Partnerprogramm in Form einer offenen Gesellschaft. Der Kaufmann, der  laut Haraszti von einem überdurchschnittlichen Support profitiert (u. a. punkto Eigenmarken, Aktionsgestaltung, Werbung, Ladeneinrichtung, Personal, Buchhaltung etc.) hält 80, die Rewe 20 Prozent. Das Sortiment könne individuell gestaltet werden, ebenso wie die Personalauswahl. Die ersten drei Billa-Kaufleute (Wien, Gloggnitz, Pöttsching), deren Namen nun auch neben dem Billa-Logo der entsprechenden Filialen stehen, sind bereits am Netz. 2023 soll deren Anzahl auf 15, bis 2026 auf 100 steigen. Der Schritt in die Selbstständigkeit sei bereits mit einem niedrigen fünfstelligen Investment möglich, und damit es sich lohnt, würden auch nur Standorte mit einer bestimmten Umsatzgröße (die Haraszti nicht verrät) an Kaufleute abgegeben. Das Aus für die Marke Adeg sei damit nicht besiegelt. Ganz im Gegenteil handle es sich dabei um zwei unterschiedliche Geschäftsmodelle, die einander hervorragend ergänzen würden.

Porträt von Viktor Wagner
Viktor Wagner, Eigentümer Reiwag Facility Services.© GEWINN
Porträt Marcel Haraszti
Marcel Haraszti, Vorstand Rewe International.© GEWINN

Weitere Artikel

GEWINN Februar 2023Exklusiv für GEWINN-Abonnenten

Ein Mann – eine Mission

Mit Klemens Haselsteiner an der Spitze soll die Strabag digitaler, innovativer und grüner werden....

Weiterlesen: Ein Mann – eine Mission
GEWINN Februar 2023Exklusiv für GEWINN-Abonnenten

Endlich wieder Zinsen!

Sparzinsen: Schon bis zu drei Prozent p. a. Welche Fonds jetzt durchstarten Zertifikate:...

Weiterlesen: Endlich wieder Zinsen!
GEWINN Februar 2023Exklusiv für GEWINN-Abonnenten

Deglobalisierung – ein Mythos?

Derzeit mehren sich die Stimmen, die je nach Weltanschauung vor „Deglobalisierung“ warnen bzw. das...

Weiterlesen: Deglobalisierung – ein Mythos?