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Beschrieben, nicht bemalt
Eine Straußenei-Pysanka mit Darstellung des auferstandenen Christus ist bei ukrainianeastereggs.store für knapp 550 Euro ­erhältlich; der Messingständer kostet 25 US-Dollar (23 Euro). Die Fischschuppen­muster versprechen Schutz, die Farben symbolisieren die Wärme der Sonne
© Katya Trischuk/Ukrainian Easter Eggs

Sammlerobjekt Osterei

Beschrieben, nicht bemalt

Russische Fabergé-Eier kennt jeder, ukrainische Pysanky kaum jemand. GEWINN über die Kunst, auf Ostereiern mit Mustern und Farben Geschichten zu erzählen.

Von Marie-Thérèse Hartig

30.03.2022

„Lege nicht alle Eier in einen Korb“, besagt eine alte, Warren Buffett zugeschriebene Börsenweisheit. Dieser vernünftige Rat gilt auch für die Ostereiersuche – zumindest dann, wenn die bunten Fundstücke nicht einfach gefärbte Ovale sind, sondern in liebevoller Handarbeit geschaffene Kunstwerke.

Die berühmtesten kunstvollen Ostereier stammen zweifellos vom russischen Juwelier Peter Carl Fabergé, dessen Preziosen sich in Museen und Sammlungen und somit außer Reichweite Normalsterblicher befinden. Quasi das Gegenteil dazu stellen „Pysanky“ dar: Die traditionellen ukrainischen Ostereier sind zumindest hierzulande weitgehend unbekannt, aber für jedermann erschwinglich. Selbst wenn die Preise abhängig von Ausgangsmaterial und Arbeitsaufwand variieren, so gehen sie über einige Hundert Euro selten hinaus.

Ostereier mit Muster
Geometrische Muster zählen zu den häufigsten Pysanky-Motiven. Die Eier werden meistens mit horizontalen, vertikalen und diagonalen Linien in Quadrate, Dreiecke und andere Formen unterteilt und die daraus resultierenden Flächen mit Mustern gefüllt.© Katya Trischuk/Ukrainian Easter Eggs

Das Wort „Pysanka“ (Plural „Pysanky“) kommt vom Verb „pysaty“, übersetzt „schreiben“, und tatsächlich werden die Eier nicht bemalt, sondern mit Bienenwachs beschrieben und gefärbt. Soll heißen, erwärmtes Wachs wird mit einem Stift, dem sogenannten Kistka, auf die Eierschale aufgetragen, um mit Mustern die Bereiche zu markieren, die nicht von Farbe bedeckt werden sollen. Der Vorgang wird beliebig oft wiederholt; bei besonders aufwendigen Eiern liegen bis zu sieben Farbschichten übereinander. Diese als Wachsreservemethode bezeichnete Technik – auch Batik genannt – wird seit jeher von vielen mittel- und osteuropäischen Volksgruppen verwendet, wobei jede Region ihre eigenen Farben und vor allem Muster hat.

Rund 4.500 Ostereier aus aller Welt umfasst die Sammlung des Volkskundemuseums in Wien, permanent zu sehen sind allerdings nur einige Exemplare. Kuratorin Nora Witzmann schätzt, dass „vermutlich an die 1.000 Stück“ davon aus Regionen der heutigen Ukraine stammen. „Das früheste im Museum erhaltene Ei aus der Ukraine wurde dem Museum 1897 geschenkt“, so Witzmann. Im Lauf der Zeit mussten freilich einige alte Eier aufgrund ihres schlechten Erhaltungszustands ausgeschieden werden, denn „Pysanky waren früher nicht wie für den heutigen Verkauf ausgeblasen, sondern wurden ungekocht, angekocht oder gekocht verziert“, so Witzmann.

„Pysanky zu schreiben kann man mit der Kenntnis eines Alphabets vergleichen“, erklärt die in Kanada lebende ukrainische Künstlerin Katya Trischuk, „es hängt davon ab, wie man die einzelnen Buchstaben zusammensetzt, um daraus eine harmonische Geschichte entstehen zu lassen.“ Die Message reicht dabei von simplen Grußbotschaften und Segenswünschen bis hin zu Hinweisen auf wichtige Ereignisse, zum Beispiel die Geburt Christi in Bethlehem oder die österliche Auferstehung.

Diese Darstellungen zählen freilich nicht zu den ältesten Motiven, denn erst seit dem Jahr 988 gehören die Gebiete der heutigen Ukraine zur byzantinisch-orthodoxen Kirche, also zum Christentum. Ältere Pysanky zieren geometrische Muster, horizontal, vertikal oder diagonal, etwa Dreiecke, die die Dreifaltigkeit symbolisieren sollen, oder Mäander, die Unendlichkeit repräsentieren. Auch Darstellungen von Pflanzen, Tieren oder Himmelskörpern transportieren Botschaften, zum Beispiel Wünsche für eine gute Ernte, Fruchtbarkeit oder ewiges Leben.

Nicht nur die virtuosen Motive, auch die Farben stecken voll symbolträchtiger Bedeutung: Rot steht für das Leben und die Sonne, Gelb für Reichtum, Grün für den Frühling.

„Die traditionellen Farben Gelb, Orange, Rot, Grün, Blau und Schwarz sieht man am häufigsten“, weiß Katya Trischuk. „Aus der Kombination von drei oder vier dieser Farben lässt sich erkennen, aus welcher Region diese Pysanky kommen. Die Stadt Poltawa in der Zentralukraine beispielsweise ist für ihre speziellen floralen Muster berühmt, während man die trypillischen Pysanky aus der Nähe von Kiew auf den ersten Blick an ihren keramikartigen Erdtönen erkennt.“

Bunte Ostereier
Small, medium und large: Nicht nur zu Ostern, auch zu Weihnachten verkaufen sich Katya Trischuks Pysanky gut, vor allem die Beschreibung der Geburt Christi in schlichtem Schwarz-Weiß auf Hühner-, Gänse- und Straußeneiern. Dazu gibt’s passende Präsentationsständer.© Katya Trischuk/Ukrainian Easter Eggs
Viele bunte Ostereier
Material-, Muster- und Farbenvielfalt: Bei ukrainischen Ostereiern gleicht kein Ei dem anderen, weil die Schalen organisches Material sind und auf bunte Beschriftung unterschiedlich reagieren. Die Motive weisen ebenso wie die Farben auf bestimmte Regionen hin.© Volkskundemuseum Wien/Christa Knott

Neben den klassischen Farben, die früher aus getrockneten Pflanzen, Baumrinden, Wurzeln und Beeren hergestellt wurden, mischen heutige Künstlerinnen – denn Pysanky werden ausschließlich von Frauen und Mädchen hergestellt, und zwar in der Woche vor Ostern – alle erdenklichen Schattierungen, wobei nie genau vorherzusehen ist, welche Nuance am Ende herauskommt, so Trischuk: „Eierschalen sind ein organisches Material und reagieren immer unterschiedlich.“

Auch das bereits erwähnte Ausgangsmaterial spielt eine Rolle: Hühnereier stellen zwar die häufigsten und originalen, aber nicht die einzigen verwendeten Präsentationsflächen dar. Auch Gänse- und Straußeneier kommen zum Einsatz, ebenso (weniger wertvoll) Eier aus Ton und Holz.

Wer nun Lust bekommen hat, als Zeichen der Hoffnung seinen Ostertisch mit Preziosen ukrainischer Eierkunst (Pysankarstvo) zu bereichern, wird im Internet fündig, etwa auf Ebay und Etsy, ab und zu in Auktionen, vor allem aber in künstlereigenen Webshops. Traurigerweise können freilich viele der ukrainischen Künstlerinnen kriegsbedingt aktuell nicht oder nur eingeschränkt liefern. Es sei denn, sie leben im Ausland, wie Katya Trischuk. In ihrem ukrainianeastereggs.store offeriert sie eine Vielzahl unterschiedlichster Pysanky: von schlichten, schwarz-weißen Hühnereiern (15 Dollar aufwärts) über Gänseeier (durchschnittlich 100 Dollar) bis hin zu Straußeneiern (bis zu 600 Dollar).

Wer lieber selbst zum Pysanky-Schreiber werden möchte, findet DIY-Anleitungen zuhauf im Internet, allen voran auf Youtube.

Termine & Links

2.–3. 4. und 9.–18. 4. Kunsthandwerkermarkt im Ostereimuseum (mehr als 1.000 Exponate), Sonnenbühl, Baden-Württemberg,
www.ostereimuseum.sonnenbuehl.de

Volkskundemuseum Wien, www.volkskundemuseum.at

Ausstellung mit mehr als 1.200 Ostereiern in der Ostereiergalerie in Libotenice (Tschechien); Anmeldung erforderlich! www.galeriekraslic.cz

Pysanka-Museum für Ostereiermalerei in Kolomyja, im südwestlichen Teil der Ukraine,
www.pysanka.museum
www.pysanky.info
www.ukrainianeastereggs.store

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