Hauptinhalt

Auf Zero-Waste-Mission
Thomas Gigl ist Gründer und Geschäftsführer von Ehrenwort Genussmomente
© ehrenwort. Genussmomente

Gewürze aus Überresten

Auf Zero-Waste-Mission

Bei der Ölherstellung ist es der Presskuchen, beim Brauprozess von Würzsaucen der Trester, die als Abfallprodukte übrig bleiben. Das Wiener Start-up Ehrenwort Genussmomente macht aus der Not eine Tugend und verarbeitet die Rückstände aus der Nahrungs- und ­Genussmittelindustrie zu hochwertigen Biogewürzen.

Von Michaela Schellner

31.05.2022

Die Verschwendung von Lebensmitteln einzudämmen, liegt Ehrenwort-Genussmomente-Geschäftsführer Thomas Gigl besonders am Herzen. „Laut Zero ­Waste Austria landet immer noch ein Drittel aller Lebensmittel im Müll. Wir wollen hier einen Beitrag leisten, denn hochwertige Rohstoffe gehören dort einfach nicht hin.“ Folglich engagiert er sich mit seinem im Jahr 2017 gegründeten Gewürz-Start-up für das Thema und kann auch bereits erste Erfolge aus einer Kooperation mit dem für seine Würzsaucen bekannten Jungunternehmen Genusskoarl vorweisen. Der Rückstand von dessen Lupinen-Würzsauce wird nun nicht mehr weggeschmissen, sondern getrocknet und vermahlen, ehe er den Weg in drei Produkte von Ehrenwort Genussmomente findet. „Mit unserem Teriyaki Grill-Rub, der Teriyaki- Mischung und dem wirklich außergewöhnlichen Umami-Gewürz konnten wir bereits über eine Tonne des Produktionsrückstands von Genusskoarl wiederverwerten“, erzählt Gigl im Gespräch mit GEWINN stolz. Und das kann er auch sein, denn für diese Idee wurde der umtriebige Gründer mit dem dritten Platz beim vom Bundesministerium für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort initiierten Wettbewerb „Teller statt Tonne“ ausgezeichnet.

Bio-Umami-Universal-Gewürz
Im Bio-Umami-Universal-Gewürz werden Würzsaucenrückstände verarbeitet© ehrenwort. Genussmomente
Teriyaki-Mischung
Diese Überreste von Genusskoarl runden auch die Teriyaki-Mischung perfekt ab© ehrenwort. Genussmomente/Ramona Hackl

Deal mit Genusskoarl und Ölmühle Fandler

Angespornt von diesem Teilerfolg auf seiner Zero-Waste-Mission hat Gigl schon den nächsten Kooperationspartner an Land gezogen. Seit Kurzem arbeitet man mit der im steirischen Pöllau ansässigen Ölmühle Fandler zusammen, die auf die Produktion von Bionaturölen spezialisiert ist. Gigl: „Ein besonders aromatisches Öl von Fandler ist das Erdnuss­öl. Und ge­nauso aromatisch ist der Presskuchen, der danach übrig bleibt. Diesen habe ich für die Entwicklung meiner jüngs­ten Gewürzkreation ‚Voll auf die Nuss Erdnuss-Curry‘ verwendet.“ Besonders herausfordernd dabei war es für den Jungunternehmer, die ideale Balance zwischen dem Erdnussaroma des Presskuchens und asiatischen Noten zu finden. „Mir war wichtig, dass das Erdnuss-Curry dann auch wirklich einen vollmundigen Erdnussgeschmack aufweist. Mit einem hohen Anteil an Erdnussmehl ist dies schlussendlich gelungen, ohne dass die asiatischen Noten von Bockshornklee, Ingwer oder Koriander untergehen. Auch im Freundeskreis ist die fertige Mischung besonders gut angekommen.“

Weit über 70 Produkte im Sortiment

Dass es schon einmal länger dauern kann, bis die richtige Rezeptur steht, daran hat sich Gigl im sechsten Jahr nach der Gründung mittlerweile gewöhnt. Getüftelt wird nach wie vor in der eigenen Küche, und zwar so lange, bis der erfahrene Gewürzmischer ­zufrieden ist. „Manche Ideen verwerfe ich auch wieder“, gibt der 38-Jährige zu. Mittlerweile ist das Sortiment auf weit über 70 Produkte angewachsen. Im Fokus dabei stehen immer Bioqualität, möglichst regionale Zutaten und Transparenz. So bezieht das Start-up die Rohstoffe von vielen österreichischen Biokräuterbauern oder von nachhaltigen Kooperativen auf der ganzen Welt. „Einige Spezialrohstoffe mussten wir uns von verschiedenen Partnern im deutsch­sprachigen Raum zusammensuchen. Viele unserer Produkte sind auch in Zusammenarbeit mit anderen Food-Start-ups entstanden – daher be­ziehen wir beispielsweise Rohstoffe wie Biokakao von derartigen Kooperationspartnern.“ Man arbeite zudem daran, den Anteil an Biorohstoffen aus österreichischer Landwirtschaft stetig zu erhöhen, die Verpackungen nachhaltiger zu gestalten und möglichst klimaneutral zu agieren. Zum Thema Transparenz betont der ­Geschäftsführer, dass sich jeder einzelne Artikel auf der eigenen Website ehrenwort.at/herkunft über die Chargennummer zurückverfolgen lässt. Die Abfüllung der Produkte erfolgt in Oberösterreich – bei einem Partner der ersten Stunde, wie Gigl ­erzählt.

Erste Schritte in Deutschland und der Schweiz

Der Umsatz liegt derzeit im mittleren sechsstelligen Bereich, das Potenzial für weiteres Wachstum ist aber noch lange nicht ausgeschöpft. „Der Markt für Gewürze ist im deutschsprachigen Raum alleine im Lebensmittelhandel zirka 1,3 Milliarden Euro groß. Der Bio- und Spezialitätenhandel und insbesondere der Online-Handel sind hier noch nicht einmal mitgezählt“, so der Vater einer zweijährigen Tochter. Aktuell ist Ehrenwort Genussmomente sowohl bei kleinen Greisslern, in diversen Online-Shops (ebenso im eigenen), aber auch im Lebensmittelhandel bei Spar erhältlich. Dass man innerhalb kürzester Zeit eine breite Distribution erreichen konnte, führt Gigl auf den starken Markenauftritt, das innovative Kommunikationskonzept und das durchaus wettbewerbsfähige Preisniveau bei hoher Qualität zurück. Eine 40-Gramm-Dose ist je nach Gewürz und Inhaltsstoffen zwischen 3,99 und 4,99 Euro zu haben.

Neben dem Hauptmarkt Österreich arbeitet Gigl auch an einer Bekanntheitssteigerung im restlichen deutschsprachigen Raum. In Deutschland und der Schweiz läuft das Geschäft gerade an. Ob man auch davon profitieren könne, dass das Hamburger-Gewürz-Start-up Ankerkraut zum Missfallen eingefleischter Fans sein Unternehmen vor Kurzem an den Nahrungsmittelkonzern Nestlé verkauft hat, kommentiert der begeisterte Hobbykoch nicht. Man sei aber natürlich für neue Partnerschaften offen.

Innovative Konzepte in Planung

Die Idee zur Firmengründung hatte Gigl übrigens bei einem Mallorca-Urlaub im Jahr 2016. „Ich habe bei meinen Reisen immer hochwertige Gewürze, Salze und Pfeffer nach Hause mitgenommen. Beim Kauf des Flor de Sal aus Es Trenc im südlichen Teil Mallorcas habe ich mich gefragt, wa­rum es von so einer tollen Marke nur Salze und nicht die gesamte Gewürzpalette gibt. Das war der Startschuss von Ehrenwort Genussmomente, und nur sieben Monate später waren die Produkte auf dem Markt erhältlich“, schildert der Gewürzliebhaber die Entstehungsgeschichte.

Um das Unternehmen weiter­zuentwickeln, setzt Gigl, der vor seinem Schritt in die Selbständigkeit langjährige Marketing- und Vertriebs­erfahrung bei Coca-Cola und Henkel gesammelt hat sowie bei einem ­österreichischen privaten Wetterdienstleister im Bereich der Digitalisierung tätig war, auf Co-Kreationen mit Köchen, Influencern, anderen Food-Start-ups und etablierten Marken. Im Sortiment tummelt sich zum Beispiel die gemeinsam mit der Backbloggerin Gaumenschmaus kreierte Bananenbrot-Gewürzmischung „Bananarama“, das mit der Brotback-Expertin Kornelia Urkorn entwickelte Brotgewürz „Habe die Ähre“ oder das in Kooperation mit dem österreichischen Start-up Caucawa entstandene Biokakaopulver „Gaugau“. Mit Rick Gin hat man ein Botanicals-Set für Ginliebhaber, mit der Holzmanufaktur Einmahlig ein Salatbesteck und mit dem Kochgeschirrhersteller Riess eine Tasse im Halloween-Design für den Pumpkin Spice Latte herausgebracht. In den Startlöchern steht weiters eine Zusammenarbeit mit dem Konfitüren- und Delikatessenhersteller Staud’s. Dass dann die Logos beider Partner auf der Verpackung sichtbar sind, ist für Gigl kein Problem, sondern eher Ausdruck einer starken Partnerschaft. Reine Lohnfertigung – sprich: die ­Produktion von Eigenmarken anderer – sei aber strategisch derzeit kein Thema.

Ob er rückblickend gesehen etwas anders gemacht hätte? „Von Beginn an größer denken, also mit mehr Verpflichtung und Investment zum Start die Marke aufbauen, dadurch hätte man am Weg sicher Zeit sparen können. Auf der anderen Seite ist die Marke so kontinuierlich gewachsen und hat eine sehr loyale Käuferschaft, was mich sehr stolz macht.“

Weitere Artikel

GEWINN Dezember 2022

Europaweit digital signieren

Das Salzburger Start-up Sproof, das im Frühjahr 2020 als Uni-Spin-off der FH Salzburg von Clemens...

Weiterlesen: Europaweit digital signieren
GEWINN Dezember 2022 Exklusiv für GEWINN-Abonnenten

Investieren wie ein Weltmeister

Die beste Aufstellung für Ihr Portfolio von defensiv bis offensiv. Wie Sie mit Aktien, Fonds, ETFs...

Weiterlesen: Investieren wie ein Weltmeister
GEWINN Dezember 2022

Katar: Wo die Scheichs überall investiert sind

Welt. WM-Gastgeber Katar ist (demokratie-)politisch weit entfernt von westlichen Standards, beim...

Weiterlesen: Katar: Wo die Scheichs überall investiert sind