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Grünes Geld

„1997 konnte ich mit Müh und Not genug Titel finden, die alle Kriterien erfüllt haben“

Max Deml, Pionier der nachhaltigen Geldanlage und Mitgründer des Öko-Invest-Verlags, beschreibt im Interview mit GEWINN, wie sich das Thema von der Nische zum Mainstream entwickelt hat und wie gut Anleger damit bisher verdienen konnten.

Von Martin Maier

18.05.2022
Max Deml
© Senat der Wirtschaft/Musabeg Magomedov

Max Deml begründete bereits 1991 den Öko-Invest-Verlag mit und gibt seither den Börsendienst „Öko-Invest“ und Sonderhefte wie z.B. „Euro Extra Grünes Geld“ heraus. 1997 entwickelte er den Natur-Aktien-Index (heute „Nx-25“), der heuer sein 25-jähriges Jubiläum feiert. Damit zählt Deml hierzulande zu den absoluten Pionieren der nachhaltigen Geldanlage, der in diesem Bereich schon aktiv war, als das Thema noch in den Kinderschuhen steckte.

GEWINN: Der von Ihnen entwickelte Nx-25-Aktienindex feiert heuer sein 25-jähriges Bestehen. Was steckt in diesem Index?

Deml: Der nach ethisch-ökologischen Kriterien ausgewählte Aktienindex Nx-25 enthält 25 regional und nach verschiedenen Branchen gestreute Aktien, die aktuell eine Marktkapitalisierung von ungefähr 1,6 Billionen Dollar haben. Den Index haben wir 1997 auf Anregung der Zeitschrift „Natur“ in München entwickelt, die mehr Berichterstattung im wirtschaftlichen Bereich haben wollte. Der Verlag hat angefragt, ob ich einen Index gestalten könnte, der zeigt, dass man mit ökologisch ausgewählten Aktien nicht schlechter fährt als mit dem Gesamtmarkt, gemessen am MSCI-World-Aktienindex. Der Index sollte dabei möglichst einfach und aus der Sicht eines Privatanlegers nachvollziehbar sein, damit man sich zumindest theoretisch die Aktien einzeln kaufen kann. Es sollten Unternehmen aus 25 verschiedenen Branchen aus den USA bzw. Nordamerika, Europa und Asien sein, damit man kein Klumpenrisiko hat.

Dass die Outperformance im Vergleich zum MSCI World mit annähernd 2.000 Prozent so hoch ausgefallen ist, hätte damals niemand erwartet.
Max Deml, Öko-Invest-Verlag

GEWINN: Hat der Index gezeigt, dass man mit nachhaltiger Geldanlage nicht notwendigerweise schlechtere Ergebnisse erzielt als mit Aktieninvestments, denen keine nachhaltigen Kriterien zugrunde liegen?

Deml: Dass die Outperformance im Vergleich zum MSCI World mit annähernd 2.000 Prozent so hoch ausgefallen ist, hätte damals niemand erwartet. Wir wären bereits glücklich damit gewesen, dass man mit grünen Aktien zumindest nicht schlechter fährt als mit dem Gesamtmarkt.

GEWINN: Zu Beginn waren nur 20 Aktien im Index enthalten. Warum?

Deml: 1997 konnte ich mit Müh und Not 20 Titel finden, die alle ethischen, sozialen und ökologischen Kriterien erfüllt haben. Das heute übliche Kürzel „ESG“ gab es damals noch nicht einmal. Als es dann genügend Unternehmen gab, haben wir auf 25 Aktien aufgestockt, um die Streuung auszuweiten. So war etwa die vorgesehene Position für die Automobilbranche im Index jahrelang nicht besetzt, weil fossile Energieträger ein Ausschlusskriterium sind. Somit war kein Automobilkonzern, der Diesel- oder Benzinautos baut, zugelassen. Erst in dem Moment, als Tesla an die Börse ging, konnten wir den ersten Automobiltitel aufnehmen.

GEWINN: Gibt es Unternehmen, die seit Beginn des Index 1997 durch gehend enthalten sind?

Deml: Ja, fünf sogar! Zum Beispiel ist die heimische Mayr-Melnhof Karton seit dem Indexstart dabei, weil das Unternehmen den größten Recycling-Anteil von allen Kartonherstellern weltweit hat und vor 50 Jahren die Altpapiersammlung in Wien eingeführt hat. Auch der bekannte Fahrradzulieferer Shimano aus Japan, der Windkraftkonzern Vestas (Anm.: früher NEG Micon), der französische Homöopathie-Konzern Boiron und Tomra, der führende Hersteller für Recycling-Technologien aus Norwegen, sind von Anfang an dabei.

GEWINN: Welche Unternehmen aus dem Index haben Anlegern bisher die höchsten Erträge gebracht?

Deml: Einer der besten Titel, der zum Glück rechtzeitig aus dem Index rausgefallen ist, war die Solarworld-Aktie. Der Hersteller von Solarpaneelen aus Deutschland hat als Teil des Index von 2002 bis 2007 rund 20.000 Prozent an Kurssteigerungen mitgemacht.

GEWINN: Was hat Sie dazu veranlasst, die Aktien von Solarworld aus dem Index zu werfen?

Deml: Wir haben bei der Auswahl der Aktien nur ein einziges finanzielles Kriterium: negatives Eigenkapital. Wenn eine Firma mit ihrem Eigenkapital in den negativen Bereich abrutscht, fliegt sie aus dem Index, unabhängig davon, wie gut das Unternehmen aus ökologischer Sicht bewertet wird. Und das war bei Solarworld der Fall. Das Unternehmen wurde, ausgelöst durch einen Preiskampf mit der chinesischen Konkurrenz und Fehler im Management, insolvent. Viel beigetragen hat auch Tesla. Die Aktie kam im Jahr 2013 bei einem Kurs von rund neun US-Dollar in den Index und lag zwischenzeitig über 1.000 Dollar. Große Zugewinne verbuchten auch Geberit, Shimano, Tomra und Whole Foods Market, deren Aktien in ihrer Zeit im Index auch über 1.000 Prozent zugelegt hatten, bis sie von Amazon übernommen wurden.

GEWINN: Und was waren die verlustreichsten Aktienpositionen in der Geschichte des Index?

Deml: In der langen Geschichte des Index gab es auch negative Überraschungen wie etwa die Sero Entsorgung AG, einen klassischen Betrugsfall. Verlustreich waren auch der Kondomhersteller Condomi oder der Schweizer Konzern Precious Woods, der in Südamerika nachhaltige Waldwirtschaft betreibt.

GEWINN: Welchen positiven Effekt können nachhaltige Geldanlagen, insbesondere Fonds, aus Ihrer Sicht haben?

Deml: Investmentfonds haben üblicherweise bloß einen pädagogischen Effekt, weil immer mehr Firmen Anfragen von Fondsmanagern und Rating-Agenturen zu Umweltthemen bekommen. Das weckt die Aufmerksamkeit, die Firmen müssen sich jetzt darum kümmern, und niemand will der Letzte in einem nachhaltigen Ranking sein. Das ist aber nur ein indirekter Effekt.

GEWINN: Oft wird ja auch als positiver Effekt von nachhaltiger Geldanlage genannt, dass dadurch verantwortungsvoll agierende Unternehmen leichter zu Finanzierungen kommen und weniger verantwortungsvolle Unternehmen vom Kapitalmarkt dafür „abgestraft“ werden.

Deml: Bei Fonds erzielt man diese Wirkung nur bei Kapitalerhöhungen, wenn der Fonds junge Aktien kauft und damit frisches Geld in die Firma kommt. Alles andere ist nur ein Ringelspiel… irgendjemand kauft Aktien, irgendjemand verkauft sie. Das hat keine Auswirkung auf die Finanzierung eines Unternehmens. Den stärksten Hebel hat man, wenn man sich etwa direkt an Erneuerbare-Energie-Kraftwerken beteiligt. Diese Firma kann mit 10.000 Euro Eigenkapital eines Privatanlegers weitere 40.000 Euro von der Bank als Finanzierung kriegen. Somit setzt man mit 10.000 Euro 50.000 Euro für die Umstrukturierung in Richtung erneuerbare Energie in Bewegung.

GEWINN: Lässt sich der positive Effekt nachhaltiger Geldanlage messen?

Deml: Als wir 1991 mit dem Heft begonnen haben, hatten in Deutschland erneuerbare Energien in etwa vier Prozent Anteil am Strommix. Dieser bestand fast ausschließlich aus Wasserkraft, damals gab es kein Windkraftwerk, kein Solarkraftwerk und nur ein bisschen Strom aus Biomasse. Heute ist Deutschland bei 42 Prozent erneuerbarer Energie mit sehr viel Wind- und Sonnenstrom. Diese Entwicklung wurde überwiegend durch private Investitionen in erneuerbare Energiebetreiberfirmen angestoßen.

Natur-Aktien-Index „Nx-25“: 2.200 Prozent Plus in 25 Jahren

Als Max Deml 1997 den Natur-Aktien-Index „Nx-25“ entwickelte, wollte er damit eigentlich nur unter Beweis stellen, dass man mit nachhaltiger Geldanlage nicht schlechter als der Gesamtmarkt abschneiden würde. Jetzt, 25 Jahre später, zeigt sich ein für viele wohl überraschendes Bild: Der Naturaktienindex Nx-25 brachte Anlegern mit rund 2.200 Prozent Kursplus um ein Vielfaches mehr als der globale Aktienmarkt, gemessen am MSCI World (plus 275 Prozent). Der aktuell größte Titel ist der Elektroautobauer Tesla, der seit 2013 im Index enthalten ist und dessen Aktienkurs in der Zeit von rund neun auf zuletzt über 900 Dollar und damit um rund 10.000 Prozent gestiegen ist. Alle Aktien im Index werden jährlich wieder auf ihre Gewichtung von vier Prozent zurückgestellt. Investierbar ist der Index über den Nx-25-Indexfonds (ISIN: DE000A3CWRJ7), der die 25 Titel des Nx-25 samt ihrer Gewichtung im Index abbildet.

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