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Vier Jahrzehnte im Zeichen großer Veränderungen
Hannes Androsch – hier auf der GEWINN-Messe mit Georg Wailand – blickt 40 Jahre zurück und viele Jahre in die Zukunft
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40 Jahre GEWINN

Vier Jahrzehnte im Zeichen großer Veränderungen

Von Hannes Androsch

31.03.2022

Vor 40 Jahren wurde der GEWINN mit dem Ziel gegründet, mittels fundierter Information ein besseres Verständnis für ökonomische Zusammenhänge zu schaffen. Doch auch heute bleiben Information und Aufklärung wichtige Aufgaben – übrigens auch im Bereich von Wissenschaft und Forschung, wie die Jahre der Pandemie gezeigt haben.

40 Jahre in Schlaglichtern

Das Jahr 1982: Großbritannien und Argentinien führten Krieg um die Falklandinseln. In Deutschland wurde ­Helmut Kohl zum neuen Kanzler. Und auf Mallorca ­entwarfen Bruno Kreisky und Finanzminister Herbert Salcher das verunglückte „Mallorca-Budgetpaket“ mit der sogenannten „Sparbuchsteuer“, die zum Verlust der absoluten SPÖ-Mehrheit bei den Wahlen im April 1983 führen sollte. Damit sollten in Österreich innenpolitisch bis heute unruhige Zeiten mit zunehmender Beharrung, Bewahrung und Stillstand eintreten, auch wenn es noch gelang, der EU und der Eurozone beizutreten.

1982 hatte Österreich 7,5 Millionen Einwohner, die Weltbevölkerung betrug 4,6 Milliarden Menschen. Heute leben neun Millionen Menschen hierzulande, global sind es acht Milliarden, davon jeweils 1,4 Milliarden in China und Indien. Das globale BIP betrug 1982 11,3 Billionen US-Dollar, wovon je zwei Prozent auf China und Indien entfielen. Inzwischen ist die weltweite Wirtschaftsleistung auf rund 100 Billionen Dollar gestiegen, wovon 18,3 Prozent von China und sieben Prozent von Indien geleistet werden.

Politisch standen wir Anfang der 1980er noch im ­Kalten Krieg mit einer zweigeteilten Welt, deren Antagonisten sich im Gleichgewicht des atomaren Schreckens gegenüberstanden. Allerdings zeigte diese Ordnung bereits deutliche Risse, denn die Ölpreisschocks von 1973 und 1979 und die nachfolgenden Rezessionen beendeten das goldene Zeitalter des Wiederaufbaus und der Wohlstandsmehrung. Die zweite Ölpreiskrise fand zudem zeitgleich mit einer Reihe von Ereignissen statt, die die Welt veränderten: Die Sowjetunion begann ihren Krieg in ­Afghanistan, womit sie aber ihr eigenes Ende einläutete, und mit Margaret Thatcher in Großbritannien und ­Ronald Reagan in den USA begann die Abkehr vom Keynesianismus der Nachkriegszeit und die Durchsetzung des oft als „Neoliberalismus“ bezeichneten Monetarismus.

Von der Kraft der Märkte überzeugt war auch Deng ­Xiaoping. Mit der von ihm ab 1980 eingeleiteten wirtschaftlichen Öffnung erlebte China nicht nur einen enormen weltpolitischen Bedeutungszuwachs, sondern auch die weitgehende Beseitigung der Armut, allerdings auch ausgeprägte sozioökonomische Ungleichheit. Im Ergebnis wird China mit seiner Wirtschaftsleistung wohl bald die USA überholen – kein Wunder, dass auch andere ­Länder, etwa Indien, diesen Weg beschritten. Die damit verbundene Ausweitung des weltweiten Arbeitskräfteangebots auf drei Milliarden Menschen hat gemeinsam mit der Liberalisierung des Welthandels zur sich rasch verdichtenden Globalisierung der Weltwirtschaft geführt.

Eine Milliarde Menschen aus der Armut befreit

Insgesamt wurde so eine Milliarde Menschen aus der ­Armut befreit, allerdings um den Preis großer Ungleichheit sowie einer drastischen Zunahme des Verkehrs mit dramatischen Auswirkungen auf unser Klima. Die Folgen von Industrialisierung und Globalisierung haben unser Zeitalter zum „Anthropozän“ gemacht, allerdings könnte das 21. Jahrhundert auch „unser letztes Jahrhundert“ (Martin Rees) sein.

Die Entwicklungen der 1980er-Jahre kumulierten im Jahr 1989, als die kommunistischen Regime Osteuropas und bald auch die Sowjetunion kollabierten. Im Westen sprach man vom „Ende der Geschichte“, und die USA ­erlebten ihren unipolaren Moment. Der Schock folgte mit 9/11. In Europa hingegen erlebte die Europäische ­Gemeinschaft eine beträchtliche Erweiterung durch die Aufnahme zahlreicher Staaten, vor allem aus Osteuropa. Gleiches galt auch für die Nato, was jedoch zu Problemen mit Russland führte.

Gleichzeitig nahm mit der weltweiten Durchsetzung der Marktwirtschaft die Globalisierung weiteren Aufschwung. Ein wesentlicher Treiber der Globalisierung – und jüngst durch die Pandemie noch beschleunigt – war und ist die Digitalisierung mit Smartphone, Big Data, ­Algorithmen, künstlicher Intelligenz, Clouds und Blockchains. Immer größere Bereiche unserer Lebens- und ­Arbeitswelt wurden erfasst – zeitgleich verbunden mit demografischen Veränderungen und nun auch der ­angestrebten Dekarbonisierung zur Eindämmung der Erderwärmung und des Klimawandels.

Die größte Herausforderung wird der Klimawandel sein. Es gilt, die Erderwärmung einzudämmen.

Die letzten beiden Jahre waren schließlich gekennzeichnet durch die Covid-19-Pandemie. Sie führte zu einer Investitions- und Angebotslücke verbunden mit rasch steigender Inflation. Schon zuvor war wegen der zunehmenden ökonomischen und sozialen Verwerfungen, aber auch der Flüchtlingskrise 2015 das Abdriften vieler Staaten in Richtung illiberaler autokratischer Regime zu ­beobachten. Verstärkt durch die Pandemiekrise zeigt sich diese gefährliche Entwicklung inzwischen in vielen demokratischen Ländern, die durch rechtsextremen und reaktionären Nationalismus, aber auch durch linke tugend­terroristische und ökodiktatorische Gruppen bedroht werden. Und es steht zu befürchten, dass der Ukraine-Krieg dies nicht zuletzt wegen der Energiepreisexplosion und Getreideknappheit weiter verschärfen wird.

Wie könnte es in den kommenden vier Jahrzehnten weitergehen?

Albert Einstein meinte: „Mehr als die Vergangenheit ­interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.“ Doch Versuche, die Zukunft vorherzusagen, waren selten erfolgreich.

Ungeachtet dessen ist es dennoch wichtig, über das Tagesgeschehen hinauszublicken und mögliche Zukunfts­szenarien zu betrachten. Was wir dabei schon heute erkennen können, sind die demografischen Entwicklungen. Die Weltbevölkerung wird in den nächsten 40 Jahren auf möglicherweise zehn Milliarden Menschen ansteigen, ­jedoch mit großen regionalen Unterschieden. In Afrika und Indien wird sie deutlich ansteigen – mit enormen Auswirkungen auf Migrationsbewegungen –, in Japan, Russland und Europa hingegen schrumpfen. Auch die ­Lebenserwartung dürfte weiter steigen, vor allem aufgrund des medizinisch-technologischen Fortschritts, ­etwa durch die Verbindung von Informationstechnologien mit synthetischer Biologie. Damit werden vielfältige Herausforderungen verbunden sein – von der notwen­digen Neugestaltung des Arbeits- und Erwerbslebens bis zur Sicherung der Pensions- und Pflegesysteme.

Auch die Digitalisierung wird fortschreiten, zumal mit den Plänen eines „Metaversums“, also der Konvergenz von virtueller und physischer Realität, eine neue Dimension eröffnet wird. Die größte Herausforderung wird ­jedoch der Klimawandel sein. Es gilt, die Erderwärmung einzudämmen, aber auch mit den bereits eingetretenen Veränderungen umgehen zu lernen.

Es könnte aber auch alles ganz anders kommen, denn die Welt, die wir kannten, fällt durch die aktuellen Ereignisse gerade in sich zusammen. Die Pandemie, noch mehr aber der von Putin betriebene Ukraine-Krieg haben unsere Gewissheiten ins Wanken gebracht, viele auch zerstört. Wir befinden uns in bedrohlichen Zeiten, und selbst ein dritter Weltkrieg scheint plötzlich möglich. Die Schwäche, Wehrlosigkeit und Verwundbarkeit Europas ist beunruhigend und muss überwunden werden. Doch weder das noch eine balancierte polyzentrische und ­multilaterale Weltordnung sind in Sicht.

Wie auch immer dieser Krieg letztlich ausgehen wird: Sicher ist, dass wir gerade in ein neues Zeitalter eintreten, in dem sich eine neue Ordnung mit neuen Spielregeln und neuen Akteuren etablieren wird. Erinnert sei daher an Alan Kays Worte: „Die Zukunft kann man am besten voraussagen, wenn man sie selbst gestaltet.“

Dr. Hannes Androsch war von 1970 bis 1981 Finanzminister und ab 1976 Vizekanzler. Danach war er Generaldirektor der Creditanstalt. Seit 1989 ist er als Industrieller tätig, u. a. als Aufsichtsratsvorsitzender von AT&S und der Salinen Austria.

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