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„Sanierungen enden oft in der Katastrophe“
Günther Nussbaum: „Manche Firmen haben Aufträge angenommen, die sie wegen Personalmangels gar nicht erfüllen können.“
© Ernst Kainerstorfer

Pfusch am Bau

„Sanierungen enden oft in der Katastrophe“

Fehlende Arbeiter und schwer kalkulierbare Preise: Sachverständiger Günther Nussbaum über aktuelle Herausforderungen für Häuslbauer und Sanierer.

Von Robert Wiedersich

27.09.2022

Für die Fernsehsendung „Pfusch  am Bau“ begibt sich Günther Nussbaum regelmäßig auf die Jagd nach Baumängeln und ist ständig in Kontakt mit Baufirmen und Bauherren.

GEWINN: Machen Häuslbauer wegen der stark gestiegenen Preise für Baumaterial Abstriche bei der Qualität und verbauen günstigere Materialien. Schlägt sich das dann eher in Baumängeln nieder?

Nussbaum: Jein, viele geben wegen der Energiekrise sogar bewusst mehr für Qualität aus, zumindest so lange sie es von der Bank noch finanziert bekommen. Jetzt wird in alles investiert, was Energiekosten senkt. Die Dämmung wird dicker als gefordert, man nimmt die bessere Luft-Wasser-Wärmepumpe und installiert sofort die Photovoltaikanlage auf dem Dach. Dafür wird an anderer Stelle gespart, etwa an der Außengestaltung.

GEWINN: Die Baumängel werden also weniger?

Nussbaum:  Leider nicht. Qualitätsprobleme auf der Baustelle gibt es nach meiner Beobachtung aber nicht, weil die Häuslbauer beim Material sparen, sondern weil die Baufirmen Probleme mit dem Personal haben. Auch renommierten Unternehmen fehlen die Fachleute. Der Markt ist total überhitzt. Manche Firmen haben Aufträge angenommen, die sie wegen Personalmangels gar nicht erfüllen können.

GEWINN:  Wo gibt es die größten Probleme?  

Nussbaum:  Im Haifischbecken der kleinen und halbseriösen Unternehmen. Dort, wo aufgrund der Komplexität und kleinerer Umsätze die Alteingesessenen nicht arbeiten möchten.  Aus Kostengründen wird der Sub-Auftrag an „Mache-alles-Firmen“ weitergegeben. Gewerbeschein ist dort oft  ein Fremdwort. Fassade, Malerei, Bodenbelag – das wird gerne ausgelagert.  Ich habe auch noch nie zuvor so viele Probleme mit Swimmingpools gesehen, die schlecht betoniert und mangelhaft abgedichtet wurden. Wo die Fachfirmen die Arbeiten noch selbst erledigen, etwa beim Dachdecken, gibt es in der Regel weniger Probleme.

GEWINN: Beruhigt sich die Lage langsam, was Preissteigerungen und  Personalmangel anbelangt?

Nussbaum: Der Hausbau ist derzeit mit Ausnahme der Fertighausanbieter, die noch Preisgarantien geben, sehr schwer kalkulierbar. Aber ich glaube schon, dass sich die Lage nächstes Jahr beruhigen wird. Ich höre von vielen Betrieben, dass sie ab der zweiten Jahreshälfte 2023 Auftragsrückgänge um bis zu 70 Prozent haben. Viele Aufträge wurden in der Corona-Zeit vorgezogen, die fehlen jetzt. Es wird eine Marktbereinigung geben. Das wird aber auch die Qualität verbessern, weil  die guten Firmen übrigbleiben.  

GEWINN: Die Nachfrage nach der Sanierung älterer Gebäude inklusive Heizungstausch wird hoch bleiben. Kann man beim Sanieren weniger oder mehr falsch machen als bei einem Neubau?

Nussbaum: Die Sanierung ist die Königsklasse! Es gilt, die Bautechnik aus drei Jahrhunderten zu berücksichtigen. Der Aufwand ist oft enorm. Die Häuser sind häufig noch bewohnt, während saniert wird. Oft weiß man auch nicht, was hinter einer alten Mauer alles lauert. Teure Nachträge warten bei schlechter Planung hinter praktisch jeder Bauteilöffnung. Das endet oft in der Katastrophe.

GEWINN: Ob Neubau oder Sanierung: Fallen Baumängel in der Regel kurz nach Fertigstellung auf oder dauert es Jahre, bis man draufkommt?  

Nussbaum: Der klassische Mangel kommt immer erst nach Jahren zum Vorschein, z. B. der Keller, der nach 20 Jahren undicht wird, weil eine Drainage falsch eingebaut wurde und erst dann die verpfuschte Abdichtung relevant wird. Solche Mängel sind allerdings schwer zu erkennen, wenn der Bau abgeschlossen ist. Daher während der Bauphase bitte möglichst viel fotografieren.

GEWINN: Diesen Winter werden viele  Bewohner die Heizung zurückdrehen. Werden die Schimmelprobleme zunehmen und die Streitigkeiten, wer den Schimmel verursacht hat?  

Nussbaum:  Das kommt hundertprozentig. Wenn die Leute noch weniger heizen und lüften, werden wir sicher mehr Schimmelprobleme bekommen. Ich muss ihnen dann erklären, dass sie mehr heizen müssen, obwohl sie sich das vielleicht gar nicht leisten können.

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