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Mit dem Lastenrad zurück in die Zukunft
Tipp für Einsteiger: Probieren Sie die ersten Fahrten mit etwas leichterer Ladung
© APA/Frank Rumpenhorst/dpa/picturedesk.com

Mobilität und Infrastruktur

Mit dem Lastenrad zurück in die Zukunft

Was auf den ersten Blick wie ein Schritt zurück wirkt, kann eine große Zukunft haben – Lasten mit dem Fahrrad transportieren. Dank Elektrounterstützung ist es auch deutlich weniger anstrengend als zu Omas Zeiten.

Von Guido Gluschitsch

17.05.2022

Und als ich die Light-Limonade in den Kühlschrank stelle, fällt mir auf einmal auf, was für ein verwöhnter Pinkel aus mir geworden ist. Ich habe keine Ahnung, warum, aber ich musste plötzlich an meine Oma denken. Die hätte sich eher die Zunge rausschneiden lassen, als Light-Limonade zu trinken. Gut, sie hätte sie auch nie gebraucht. Genau wie sie, oder vielleicht auch weil sie, nie ein Auto brauchte. Sie erledigte alle Wege zu Fuß, mit dem Fahrrad und zweimal im Jahr, wenn es hoch kam, fuhr sie mit der Bahn.

Zugegeben, die Vorzeichen waren damals andere. Für die meisten Besorgungen musste sie nicht allzu weit fahren. Das Gemüse wuchs im Garten, die Eier im Nebengebäude, der Bäcker war fußläufig zu erreichen und der eine Supermarkt war recht zentral im Ort und nicht in einem künstlichen Industrie­gebiet am Rande der nächsten größeren Stadt. Trotzdem war es mühsam, den Wocheneinkauf auf dem Waffenrad nach Hause zu bringen. Ich erinnere mich, dass sie nur auf dem Weg zum Markt fahren konnte. Am Weg zurück hingen auf dem Lenker oft schwere Säcke, die nicht nur beim Treten, sondern auch beim Lenken hinderlich waren. Also musste sie das Rad nach Hause schieben. Einen Anhänger fürs Fahrrad hätten meine Großeltern wohl gehabt – mit dem war aber stets der Opa unterwegs. Als Maurer hatte er immer viel Werkzeug, das er mitschleppen musste. Und ich fahr mit dem Auto ins Fitness-Studio, um dort auf ein und demselben Platz Rad zu fahren, trinke Light-Limonade und werd trotzdem immer blader? Da stimmt doch was nicht.

Longjohn oder Longtail?

Das E-Lastenrad ist die Antwort auf so viele der Fragen, die ich mir in der Folge stellte. Es hat, wie ein E-Bike oder Pede­lec, eine Unterstützung bis 25 km/h und, wie der Name schon sagt, man kann damit auch Lasten führen – und nicht nur ein Getränkeflascherl wie mit dem Rennrad. Es gibt Lastenräder in verschie­densten Ausführungen. Am begehrtes­ten sind aktuell die einspurigen Lastenräder mit der Kiste vorne. Long­john heißen die im Fachsprech. Bei ­ihnen gibt es auch die größte Auswahl.

Der große Vorteil bei ihnen ist: Man hat beim Fahren das Ladegut immer im Sichtfeld und kommt nicht erst am Ziel drauf, was man unterwegs alles verloren hat. Vor allem wenn man seine eigenen Kinder mit dem Lastenrad transportiert, kann einem das, beim Kindergarten angekommen, viele Sorgen und viel Zeit des Suchens ersparen. Ja, die Kinder in Las­tenrädern zu transportieren ist legal – die Hersteller kennen die individuellen Möglichkeiten und Voraussetzungen für ihre Produkte – und für die Kinder ist es eine ziemliche Hetz.

Während die Longjohns also den Markt dominieren, sind die Lastenräder mit der Kiste hinten, die Longtails, gerade im Kommen, erklärt mir Eric Poscher-Mika. Er ist Lastenradexperte und -händler aus Dornbirn. Dreiradler gibt es auch in verschiedenen Variationen: mit starrem Rahmen oder mit Schräglagenfreiheit. Die Auswahl ist also riesig. Wie die Nachfrage. Darum kann es auch bei Lastenrädern zu Lieferverzögerungen oder -schwierigkeiten kommen.

2020 erklärte der Verband der Sportartikelerzeuger und Sportausrüster Österreichs, dass sich bei uns die ­Verkaufszahlen von Lastenrädern mit 900 Stück im Vergleich zu 2019 mehr als verdoppelt haben. Aktuellere Zahlen ­gäbe es derzeit nicht, aber der Trend ­setze sich fort, sagt Eric Poscher-Mika. Und das, obwohl die Preise für solche ­Räder, na, sagen wir, durchaus geschmalzen sind. „4.000 bis 5.000 Euro sollte man schon investieren – um, sagen wir, 6.000 Euro bekommt man sogar ein richtig gutes Lastenrad.“ Da reden wir bereits von einem Lastenrad mit E-Unterstützung. Und die elektrische Hilfe ist aus zwei Gründen gut.

Lastenrad mit Mann und zwei Kindern
Hauptsache, dem Vater gefällt’s. Üblicherweise finden aber auch Kinder die Fahrt mit dem Lastenfahrrad lustig. Seine Kinder in Lastenrädern zu transportieren ist übrigens legal© mauritius images/Westend61/Roman Märzinger

Förderungen für Lastenräder

Zum einen müssen wir heute weiter fahren, als es seinerzeit meine Oma musste, weil die Geschäfte eben nicht mehr zent­ral im Ort, sondern am Rande der nächs­ten größeren Stadt sind. Lebt man in ­Wien, ist die Situation nicht viel besser. Auch da muss man oft einige Kilometer weit zu einem Baumarkt fahren, um eine Schraube zu kaufen. Und es gibt noch ­einen zweiten guten Grund für den ­E-Motor. Der liegt im großen weichen Teil meines Oberschenkels – oder anders gesagt: Ich wäre wohl nicht trainiert genug, es mit dem Wocheneinkauf den Hügel zu mir raufzuschaffen, ohne dass mir die Zunge in die Kette kommt.

Was die Investition in so ein teures Rad zumindest ein wenig abmildert, das sind die aktuellen Förderungen, die es gibt. Der Bund etwa zahlt zu Transport­rädern mit und ohne E-Antrieb 800 Euro dazu, weitere 100 Euro übernimmt der Importeur. Zumindest im privaten Bereich ist das so. Für Betriebe ist es ähnlich, nur ein wenig komplizierter, da muss man nämlich nachweisen, dass man die Akkus nur mit Strom aus einer erneuerbaren Quelle auflädt. Der einzelne Händler hilft da bestimmt gerne weiter, wie auch die Kommunalkredit, die für die Förderung zuständig ist.

Zusätzlich gibt es mitunter Förderungen vom Land oder von der jeweiligen Gemeinde. In dem Fall wissen wieder die Händler Bescheid, und ein Besuch im ­eigenen Gemeindeamt kann sicher auch nicht schaden. In Wien etwa gibt es eine Förderung für elektrische Lastenfahrräder für Betriebe – wieder unter der Voraussetzung, dass man Ökostrom bezieht – in der Höhe von maximal 30 Prozent oder 4.000 Euro für bis zu maximal sechs Stück. Einen guten Überblick über Förderungen in diesem Bereich kann man sich bei der Radlobby holen, die online unter radlobby.at im Bereich Ratgeber die Förderungen ­ständig aktuell zu halten versucht.

Lastenrad i.SY Cargo N3.8ZR
Das i:SY Cargo N3.8 ZR (ab 5.149 Euro) hat eine Ladefläche mit 40 Zentimetern, die Pedale kann man einklappen und der Lenker lässt sich um 90 Grad drehen. Die Version Maxi hat 60 Zentimeter Ladefläche© Isy

Funktioniert das auch im Winter?

Wer der hier gezeichneten Idylle vom ­Lastenrad immer noch nicht traut, etwa weil es gerade, wie in dem Moment, in dem diese Zeilen geschrieben wurden, draußen kalt und regnerisch ist, der kann sich unter Umständen ja einmal ein Lastenrad mieten oder ausborgen. In Ballungszentren wie in Wien funktioniert das, wenig überraschend, viel besser als auf dem Land. Doch auch abseits der Hauptstädte gibt es Initiativen, wie etwa in Mattersburg. Und manchmal ­kostet es nicht einmal etwas, sich so ein Fahrrad auszuborgen.

Ein guter Freund und Kollege, der rund zehn Kilometer außerhalb von Inns­bruck lebt, hat 2020 den Sprung gewagt. Er verkaufte die Reste dessen, was er das Zweitauto nannte, und legte sich ein Lastenrad zu. Ein Longjohn. Mehr als 4.200 Kilometer hat er inzwischen damit zurückgelegt, ist im Winter durchgefahren und vermisst den alten Sharan keine Sekunde. Wohlgemerkt, der gute Mann hat drei Kinder und kommt zu dem Schluss: „Die eigene Überzeugung, dass zumindest ein Pkw nötig sei, um berufliche Termine, Kinderabholen oder Ähnliches bewerkstelligen zu können, ist der Bequemlichkeit geschuldet. Ein Auto ist praktisch, gemütlich, oft schneller, aber in den allermeisten Fällen nicht zwingend nötig. Und es ist vor allem sündteuer.“

Der Preis für so ein modernes Las­tenrad schreckt mich bis heute ab. Wir haben – um noch weiter aus dem Näh­kästchen zu plaudern – vor ein paar Jahren ein altes Haus im Burgenland gekauft, und jeder Tag, den wir den Kredit früher abbezahlt haben, ist mir so wichtig, dass ich solche Investitionen lieber dreimal überdenke. Vor allem, wenn das so leicht geht wie in meinem Fall. In einem der Schupfen eines alten Hauses auf dem Land findet man nämlich eines – das ­Gespann, mit dem der Opa seinerzeit ­unterwegs war. So war es auch bei mir. Ganz hinten lehnte ein altes Waffenrad, gleich daneben ein stattlicher Fahrrad­anhänger, der vor vielen, vielen Jahren in der Schweiz gefertigt wurde. Viel mehr als ein paar kräftige Hübe an der Luftpumpe, die Investition in einen neuen Schlauch und dort und da ein bisserl Fett war nicht notwendig.

Am Ende hatte ich eine Investition von vielleicht 15 Euro – da ist die Flasche Bier, die ich beim Service vernichtet habe, schon mit dabei – für ein herrliches, altes Retro-Lastenrad. Gut, der elektrische Antrieb ist nicht dabei. Die Wadeln werden das übernehmen. Und man muss sagen, so halte ich nicht nur mich fit, ­sondern auch alle anderen im Ort. Die können nämlich oft minutenlang nicht zu lachen aufhören, wenn sie mich sehen. Aber ich werde Nachahmer finden. Da bin ich mir ganz sicher.

Eines sei hier noch angemerkt. Ein wenig Zeit sollte man sich schon geben mit einem neuen Lastenrad. Etwas Übung am Anfang tut sicher gut. Keine Sorge, es ist kein Hexenwerk, das Fahren mit langem Radstand oder Anhänger, ­alle meine Großeltern haben das beherrscht. Es sei nur festgehalten, um Sie zu ermutigen, nach drei Minuten nicht gleich aufzugeben, wenn der Start etwas holprig ist. Nach vier Minuten klappt es.

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