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Hartnäckige Infektions­krankheiten im Griff? © MariuszSzczygiel – GettyImages.com

Neue Medikamente

Hartnäckige Infektions­krankheiten im Griff?

Neben Covid verursachen Krankenhauskeime, Malaria, Tuberkulose und Ebola bei vielen Menschen Ansteckungsängste. Wie man sich davor schützen kann und welche Therapien es gibt, fragte GEWINN Experten an der MedUni Wien.

Von Erich Brenner und Michael Kordovsky

01.09.2021

„Der Begriff ,Krankenhauskeime‘ kann unterschiedlich interpretiert werden“, definiert Elisabeth Presterl. „Einerseits können damit Erreger von mit dem Gesundheitssystem assoziierten Infektionen gemeint sein. Diese Infektionen werden epidemiologisch mit den Gesundheitseinrichtungen in Verbindung gebracht. 2019 hatten in Österreich etwa vier Prozent aller Patienten eine solche Infektion“, ergänzt die Leiterin der Universitätsklinik für Krankenhaushygiene und Infektionskontrolle von MedUni und AKH Wien. Zum Vergleich: Der Anteil der Patienten, die während eines Krankenhausaufenthalts eine Infektion bekommen, liegt in Deutschland mit rund 3,6 Prozent niedriger als im EU-Durchschnitt von 5,5 Prozent (Quelle: RKI, 15. 11. 2019).

Zu den häufigsten Erregern zählen Enterobakterien wie Escherichia coli oder Klebsiella, Staphylokokken und Enterokokken. Patienten, die länger in der Gesundheitseinrichtung verweilen, sind laut Presterl häufiger betroffen. „Ursache für diese Infektionen sind der bereits sehr kranke Mensch selbst, geschwächt von der Krankheit, aber auch Übertragung. Daher kommt der Hygiene im Krankenhaus eine besondere Rolle zu. Es müssen im Krankenhaus Hygieneregeln strikt eingehalten werden. Allen voran die Händehygiene, aber auch aseptische Vorbereitung für Operationen und Eingriffe, und der sorgfältige Umgang mit liegenden Gefäß- und Harnkathetern.“

Andererseits werden unter dem Begriff „Krankenhauskeime“ auch Bakterien subsumiert, die auf die normale Antibiotikatherapie nicht mehr ansprechen. In diesem Fall weist Pres­terl auf folgende Behandlungen hin: „Es gibt neue Antibiotika mit neuer Grundstruktur: neue antibiotische Moleküle, neue ,Antibiotikaklasse‘, die entweder eine andere Stelle in Bakterien angreifen als die bisherigen oder die Abwehrmaßnahmen der Bakterien umgehen. Oder alte Antibiotika, die chemisch verändert worden sind, um ihre Wirkung zu verbessern. Die werden nach entsprechender Testung verwendet.“

Elisabeth Presterl, MedUni und AKH Wien:
Es gibt neue Antibiotika mit neuer Grundstruktur.

© MedUni Wien/feel image – Fotografie/Felicitas Matern

Ist man einmal von Antibiotikaresistenzen betroffen, stellt sich die Frage, ob die Keime dann auf ewig im Körper bleiben? Presterls Antwort: „Solange ein ,Druck‘ durch antimikrobielle Substanzen auf die Keimflora ist, werden resistente Bakterien besser überleben. Je weniger Antibiotika, des­to besser. Man weiß es von Studien von Reisenden, die multiresistente Gram-negative Enterobakterien aus Ländern mit hoher Prävalenz mitbringen: sie überleben durchschnittlich drei Monate, können aber bei vorhandenen Grundkrankheiten und Antibiotikabehandlung über ein Jahr im Körper bleiben.“

Vorbeugen kann man am besten, indem man die Wahrscheinlichkeit eines Krankenhausaufenthalts minimiert, man sich vor Verletzungen schützt und allgemein gesund lebt. Zudem sollte man alle Hygienesicherheitsvorkehrungen einhalten, unabhängig davon, ob man stationär im Krankenhaus aufgenommen ist oder zum Hausarzt geht – „und die Therapie nicht frühzeitig beenden“, so Presterl.
Lungen- und Wundinfektionen sind die häufigsten Infektionen, die im Krankenhaus auftreten. „Bakterielle Infektionen werden mit Antibiotika behandelt. Es gibt Standardtherapierichtlinien für Infektionen, die von Experten zusammengestellt werden. Bei der Behandlung von Wundinfektionen kommt zusätzlich der Wundversorgung eine wichtige Rolle zu, um optimale Bedingungen für eine Wundheilung herzustellen“, erklärt Presterl.

Erfolge gegen Ebola

Ebola beginnt mit Symptomen eines grippalen Infektes und kann bis zur Rötung der Bindehaut und äußeren Blutungen führen. Es wird insbesondere über direkten Kontakt mit Körperflüssigkeiten Erkrankter oder sogar Gegenständen, die damit in Kontakt kamen (z. B. Kleidung oder Bettwäsche), übertragen. Die Erkrankung verläuft in 30 bis 90 Prozent der Fälle tödlich und ist bisher ausschließlich in Afrika südlich der Sahara aufgetreten (Stand 18. 7. 2019). Doch es gibt aussichtsreiche Behandlungsalternativen. Florian Thalhammer, Epidemiearzt von MedUni Wien und AKH Wien und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin (OEGIT): „Rezent wurden zwei monoklonale Antikörper-Medikamente zugelassen, die eine 28-Tages-Mortalität von 34 Prozent im Vergleich zur Kontrollgruppe mit 51 Prozent hatten. Eines davon ist REGN-EB3, eine Kombination aus Atoltivimab, Maftivimab und Odesivimab und in den USA seit Kurzem zugelassen.“ Diese Antikörper richten sich gegen drei unterschiedliche Epitope des Ebola-Glycoproteins und verhindern den Eintritt des Virus in die Zelle. Ebenfalls das Ebola-Glycoprotein als Ziel hat MAb114 von Ridgeback Biotherapeutics (in den USA im Dezember 2020 zugelassen).

„Jedoch noch wichtiger als die Therapie dieses tödlichen virushämorrhagischen Fiebers ist die Verhinderung der Infektion mittels einer Impfung. Inzwischen sind zwei Ebola-Impf­stoffe zugelassen, welche teilweise vektorbasierte Vakzine sind. Die Schutzrate wird mit an die 100 Prozent angegeben“, so Thalhammer. Konkret geht es dabei um Ervebo (MSD, USA: Merck & Co) sowie das Zwei-Dosen-Impfregime bestehend aus Mvabea und Zabdeno (Janssen, gehört zu Johnson & Johnson).

© filipjelic – GettyImages.com

Malaria auf dem Rückzug

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) waren 2019 weltweit 229 Millionen Menschen mit Malaria infiziert und es gab 409.000 Todesfälle. Global war aber Malaria in den vergangenen 20 Jahren um 37 Prozent rückläufig, in Südostasien um 78 Prozent.
„Ohne rascher Behandlung verstirbt man an der Malaria tropica immer noch, setzt die Therapie rechtzeitig ein, ist das Überleben garantiert“, so Thalhammer. „Wichtig ist, dass jeder Durchfall, wenn man aus einem Malariagebiet kommt, so lange als Malaria angesehen werden muss, bis diese ausgeschlossen ist.

Alle anderen Malariaformen verlaufen im Regelfall nicht fatal, jedoch können ohne Therapie bei der Malaria tertiana bzw. Malaria quartana Rezidive respektive Rückfälle auftreten“, so der Experte, der den aktuellen Stand der Therapie aufzeigt: „Für die komplizierte Malaria tropica ist Artesunat Mittel der Wahl. Es hat die frühere Standardtherapie Chinindihydrochlorid abgelöst. Die ambulante Standardtherapie ist Artemether/Lumefantrin, neu dazugekommen ist Dihydroartemisinin/Piperaquin. Da Plasmodien resistent werden können, ist es erforderlich, sich regelmäßig über die Resistenzlage und die wirksame Therapie zu erkundigen.“
Impfstoffe sind schon lange in Entwicklung, unter anderem wird von BioNTech ein mRNA-Impfstoff erforscht.

Florian Thalhammer, ­MedUni und AKH Wien:
Zwei zugelassene Ebola-­Impfstoffe mit Schutz­rate an die 100 Prozent.

© MedUni Wien/feel image – Fotografie/Felicitas Matern

Tuberkulose noch immer präsent

Die WHO schätzt die weltweiten Fälle an multiresistenter Tuberkulose (MDR-TB, Resistenz gegen Isoniazid und Rifampicin, die Seuche des 18. Jahrhunderts) auf rund 490.000, wobei die Mehrzahl in China, Indien, osteuropäischen und zentralasiatischen Ländern auftreten. In Österreich wurden 2018 an der nationalen Referenzzentrale für Tuberkulose (AGES) insgesamt 481 (365 bestätigte) Tuberkulosefälle registriert. „Hiervon waren 15 Fälle von multiresistenter (MDR) Tuberkulose in der Nicht-Nativbevölkerung und drei Fälle einer MDR-Tuberkulose in der Nativbevölkerung“, quantifiziert Thalhammer das Ausmaß und ergänzt: „Bedaquilin und Delamanid sind momentan die neuesten Therapieoptionen, die für Kombinationstherapien zur Verfügung stehen und bei MDR/XDR-TBC inzwischen zur Standardtherapie zählen. Der Nachteil aller MDR/XDR-Therapien sind deren sehr lange Therapiedauer und die damit verbundenen Nebenwirkungen respektive Therapieabbrüche.“

Die Nix-TB-Studie konnte indessen zeigen, dass die Kombination von Bedaquilin, Pretonamid und Linezolid (BPaL-Regime) nach sechs Monaten bereits bei 89 Prozent der Patienten eine Ausheilung ermöglichte. Weitere 21 Medikamente werden in klinischen Studien für sensible als auch resistente Tuberkulosen erforscht.

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