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„Energiewende braucht Mix an Technologien“
Robert Kanduth hat vor über 30 Jahren den Weg in die Selbständigkeit ­gewagt. Mit Erfolg, denn mittlerweile ist er CEO eines Weltmarktführers
© GREENoneTEC/Stefan Fürtbauer

Energie und Rohstoffe

„Energiewende braucht Mix an Technologien“

Greenonetec ist Weltmarktführer bei thermischen Solaranlagen. Wie man sich gegen die Billigkonkurrenz aus Asien durchsetzt und an welchen Schrauben die Politik dringend drehen muss, schildert Eigentümer Robert Kanduth im Gespräch mit GEWINN extra.

Von Michaela Schellner

17.05.2022
Exklusiv für GEWINN-Abonnenten

GEWINN extra: Herr Kanduth, mit Ihrem Unternehmen Greenonetec sind Sie Weltmarktführer bei thermischen Sonnenkollektoren. Wie sehen Sie die aktuellen Diskussionen im Zusammenhang mit der geforderten Energie­wende?

Kanduth: Greenonetec erwirtschaftet nur zehn Prozent seines Umsatzes in Österreich. Die Bedeutung der Solar­thermie ist hierzulande leider stark beschnitten worden. Der Grund dafür liegt in den politischen Bemühungen, die sich hauptsächlich auf den Ausbau der erneuerbaren Energie für die Stromgewinnung, zum Beispiel über Photovoltaik, konzentrieren. Hier gibt es Unmengen an Förderungen. Auf die Wärmeenergie, die aber in jedem Haushalt zu 80 Prozent für die Warmwasseraufbereitung und zur Heizungsunterstützung gebraucht wird, wird seit 15 Jahren vergessen.
Um die Energiewende zu schaffen und die CO2-Reduktion voranzutreiben, brauchen wir einen Mix aus allen vorhandenen Technologien. Das heißt, wir müssen das Potenzial von Photovoltaik, Wasserkraft, Windkraft, Biogas, Bio­masse, aber auch von Solarthermie ­gleichermaßen nutzen.

GEWINN extra: Wird die Solarthermie nicht entsprechend gefördert?

Kanduth: Es gibt kleine Förderbeträge für den Heizkesseltausch. Die stehen aber in keinem Verhältnis zum Wirkungsgrad von Solarthermieanlagen. Ich möchte Ihnen das verdeutlichen. Photovoltaikanlagen haben einen Wirkungsgrad von 17 Prozent, Solarthermieanlagen erreichen bis zu 80 Prozent. Das heißt, dass Solarthermie im Vergleich zur Photovoltaik deutlich mehr Energie umwandeln kann. Es macht also aus meiner Sicht überhaupt keinen Sinn, den über die Photovoltaikanlage erzeugten Strom zur Wärmegewinnung einzusetzen. Weil es aber so hohe Förderungen gibt, wird das forciert.

GEWINN extra: Sie sind nicht nur ­Eigentümer von Greenonetec, sondern auch Gesellschafter der Firma Kioto ­Solar. Diese produziert hochwertige Photovoltaikmodule. Auf der einen Seite also Leid und auf der anderen Freud?

Kanduth: Das Thema Solarenergie beschäftigt mich, seit ich mich vor 31 Jahren selbständig gemacht habe. Fossile Energieträger haben ein Ablaufdatum, und das ist gut so. Wichtig zu betonen ist mir aber noch einmal: Um die Energiewende zu schaffen, brauchen wir nicht nur in Österreich, sondern europaweit den Mix aus allen vorhandenen Technologien. Es soll nicht eine gehypt und die andere vernachlässigt werden. Natürlich freue ich mich über die Nachfrage im Segment der Photovoltaik, die mit Sicherheit noch weiterwachsen wird. Ich halte an Kioto Solar einen Anteil von 20 Prozent, bei Greenonetec bin ich ­Alleineigentümer. Beide Unternehmen entwickeln sich sehr positiv, produzieren am Standort Österreich in St. Veit an der Glan in Kärnten und wir werden heuer gemeinsam mit unserer Vertriebsorganisation Sonnenkraft und dem seit Kurzem in unserem Portfolio befindlichen Glasverarbeitungsbetrieb Petra­glas einen Umsatz von etwa 200 Millionen Euro erwirtschaften.

Solaranlage
In Friesach (Kärnten) wurde Mitte 2021 die größte solarthermische Anlage Österreichs in Betrieb genommen© GREENoneTEC

GEWINN extra: Und wie verteilen sich diese beiden Geschäftsfelder in Bezug auf den Umsatz?

Kanduth: Derzeit trägt die Photovoltaik 60 Prozent und die Solarthermie 40 Prozent dazu bei. Ich gehe davon aus, dass wir in vier bis fünf Jahren 600 Millionen Euro Umsatz machen werden. Bei der Photovoltaik haben wir derzeit eine Produktionskapazität von 400 Megawatt und wollen diese in den nächsten drei Jahren auf ein bis 1,5 Gigawatt erhöhen. Bei der Solarthermie sind wir schon Weltmarktführer, nun wollen wir auch in der Photovoltaik die Nummer eins in Europa werden.

GEWINN extra: Haben Sie keine Sorge, dass Ihnen die Billigkonkurrenz aus Asien einen Strich durch die Rechnung machen könnte?

Kanduth: Dass unsere Mitbewerber im Segment der Photovoltaik nicht aus ­Europa, sondern aus Asien stammen, ist kein Geheimnis. Dieses Preisdumping, das hier passiert, ist eine große Gefahr und hat auch nachweislich dazu beigetragen, dass die Photovoltaik-Industrie in Europa gestorben ist. Umso schlimmer also, dass die aus Asien stammenden Paneele hoch gefördert werden. Leider fehlt hier oft der Mut, bei belegtem Preis-Dumping durchzugreifen und Zölle zu erheben. Das macht Europa im Gegensatz zu den Amerikanern aber nicht.

GEWINN extra: Und wie könnte der Weg aus der Misere aussehen?

Kanduth: Aktuell hat sich die Situation etwas entspannt, weil die Transporte so teuer und Container knapp geworden sind. Green Deal, CO2-Preis und Dekarbonisierung bieten eine Chance für die regionale Produktion. Wir brauchen ­deshalb eine langfristige und strategisch durchdachte Reindustrialisierung in ­Europa. Wir müssen anfangen, wieder selbst zu produzieren und uns unab­hängig zu machen. Wir haben genug Möglichkeiten, in Europa Energie zu ­produzieren.

Solaranlage
In Riad in Saudi-Arabien liefert die weltweit größte Aufdach-Solaranlage von Greenonetec Wärme für die Princess Nourah Bint Abdulrahman-­Universität© Millennium Energy

Gut zu wissen

  • Solarthermie wandelt Sonnen­energie in thermische Energie bzw. Wärme um
  • Photovoltaik wandelt Sonnen­energie in elektrische Energie bzw. Strom um

GEWINN extra: Welche zum Beispiel?

Kanduth: Es ist zum Beispiel nicht nachvollziehbar, dass Landwirte in Europa fünf Prozent ihrer landwirtschaftlichen Flächen brach liegen lassen müssen, um Förderungen zu erhalten. Gleichzeitig importieren wir Soja und Weizen aus der ganzen Welt. Das Argument der Biodiversität greift für mich hier nicht, denn ich könnte diese Fläche ja auch nutzen, um Biomasse zu erzeugen. Wir brauchen also einen Masterplan. Veränderungen werden nicht von heute auf morgen gehen, aber man muss einmal anfangen.

GEWINN extra: Mit Greenonetec und ­Kioto Solar zeigen Sie, dass Produktion in Österreich funktioniert. Wie gehen Sie mit dem vergleichsweise hohen ­Kostendruck um?

Kanduth: Der Kostendruck ist natürlich herausfordernd, aber bei Weitem nicht das größte Problem. Wir beschäftigen in St. Veit in Summe rund 400 Mitarbeiter, auf die ich sehr stolz bin und auf die ich mich zu 100 Prozent verlassen kann. Sie stellen die hervorragende Qualität unserer Produkte sicher, sorgen dafür, dass wir eine Lieferzuverlässigkeit von über 99 Prozent haben und für viele Branchen und Bereiche der erste Ansprechpartner für qualitativ hochwertige Lösungen sind. Nur so können wir uns von der vorhin angesprochenen Billigkonkurrenz abheben. Was uns aber viel mehr zu schaffen macht als der Kostendruck, ist der Fachkräftemangel.

GEWINN extra: Was braucht es, um hier gegenzusteuern?

Kanduth: Wir brauchen einen ordentlichen, qualifizierten Zuzug von Handwerkern in Europa und müssen auch daran arbeiten, den Beruf wieder attraktiver zu machen. Das geht auch mit Investitionen in die Weiterbildung einher. Es macht nämlich wenig Sinn, die Förderungen massiv zu erhöhen, wenn es keine Fachkräfte gibt, die aufs Dach steigen wollen, um Solaranlagen zu montieren. Das Dach kann ich erst bauen, wenn das Fundament und die Mauern stehen.

Geplante Umsätze im Firmenverbund

  • Kioto Solar: 90 Mio. Euro
  • Greenonetec: 55 Mio. Euro
  • Sonnenkraft (Systemlieferant für Wärme und Energie): 45 Mio. Euro
  • Petraglas: 5 Mio. Euro

Referenz- und Investitionsprojekte

  • Besonders stolz ist Kanduth auf die mit 36.305 Quadratmetern Fläche weltweit größte Aufdach-Solaranlage in Riad in Saudi-Arabien, die gemeinsam mit dem Projektpartner Millennium Energy Industries realisiert wurde. Die 25,4 Megawattstunden starke ­solare Fernwärmeanlage ist seit dem Jahr 2011 in Betrieb und liefert Wärme für die Princess Nourah Bint Abdulrahman-Universität mit einem Campus für 40.000 Studierende, Dozenten und Mitarbeiter. Mit Hilfe der Anlage lassen sich – berechnet auf 25 Jahre – ­etwa 120 Millionen Kilogramm CO2 einsparen.
  • Ebenfalls hervorheben möchte ­Kanduth den Solarpark Friesach (Kärnten), der Mitte 2021 eröffnet wurde. Hier hat Greenonetec gemeinsam mit dem Kärntner Unternehmen ­Unser Kraftwerk die aus 436 Groß­flächen­kollektoren bestehende und mit fast 6.000 Quadratmetern größte solarthermische Anlage Österreichs installiert, die in den Sommermonaten zu 100 Prozent den Warmwasserbedarf der Fernwärmekunden in ­Friesach deckt und in der Übergangszeit zur Heizung beiträgt. Die Solarwärme wird in das Fernwärmenetz der Kelag Energie & Wärme GmbH eingespeist und trägt auf ein Jahr gerechnet 15 Prozent zum Wärmebedarf bei. Die Anlage liefert 2,5 Millionen ­Kilowattstunden, was dem Jahresverbrauch von 500 Wohnungen entspricht. Rund zwei Millionen Euro wurden in dieses innovative und wegweisende Klimaschutzprojekt investiert, das vom Klima- und Energiefonds und vom Land Kärnten gefördert wurde.
  • Bisher bezieht Greenonetec 70 Prozent seines Strombedarfs aus einer ­eigenen Photovoltaikanlage. Im Winter setzt man auf Biomasse-Fernwärme; der Warmwasserbedarf wird von Frühling bis Herbst über eigene Sonnenkollektoren abgedeckt. Um künftig zwischen 90 und 98 Prozent des Strombedarfs aus eigener Kraft zu bedienen, wird aktuell eine 4.000-Quadratmeter-Kaltlagerhalle samt Photovoltaikanlage errichtet. Zudem soll eine für Parkplätze genutzte Fläche von 3.000 Quadratmetern überdacht und ebenfalls mit einer Photovoltaikanlage ausgestattet werden. In Summe inves­tiert Greenonetec hierfür fünf bis sechs Millionen Euro.

Greenonetec – Fakten

  • Geschäftsführer & Eigentümer: Robert Kanduth
  • Umsatz: 55 Milionen Euro (geplant 2022)
  • Mitarbeiter: 175
  • Geschäftsfelder: OEM-Kollektorbaureihen (kundenspezifische Solarkollektoren und Befestigungssysteme ohne eigene Marke), Systeme (Sunpad, Solcrafte, Thermosiphon Classic), Großprojekte (eigene Großflächenkollektoren mit speziellen Leistungseigenschaften, Abwicklung der Projekte als Generalunternehmer)
  • Produktionskapazität/Jahr: 1,6 Millionen Quadratmeter Kollektorfläche, produziert wird kundenspezifisch ­ohne eigene Marke (OEM) am Kärntner Standort in St. Veit/Glan auf acht hochautomatisierten Roboterfertigungslinien
  • Exportanteil: 90 Prozent in mehr als 50 Länder weltweit, wichtigster Exportmarkt ist Deutschland gefolgt von Italien
  • Marktanteil in Europa: 30 Prozent
  • Kunden: Heizungshersteller, solare Systemanbieter, Energiebetriebe, öffentliche Einrichtungen, Großhandel, Gewerbe; in Summe rund 300 Indus­triekunden
  • Weitere Infos: greenonetec.com

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