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Echtzeitanalyse von Flüssigkeiten
V. l.: Die Usepat-Gründer Stefan Tauber, Christoph Gasser, Georg Heinz und Stefan Radel
© usePAT/Stefan Tauber

Innovation: Flüssigkeitsanalyse

Echtzeitanalyse von Flüssigkeiten

Das Wiener Start-up Usepat hat ein Ultraschallverfahren entwickelt, mit dem die Analyse von industriellen Flüssigkeiten zum Kinderspiel wird. Das bringt Vorteile für Kläranlagen und Reinigungsmittelhersteller, aber auch für Lebensmittelproduzenten.

Von Michaela Schellner

26.04.2022

Stellen Sie sich vor, Sie schauen an einem schönen sonnigen Tag aus dem Fenster, sehen aber alles nur durch einen grauen Schleier, weil es total verschmutzt ist. Hier kommt das Wiener Start-up Usepat ins Spiel, das jetzt im eigentlichen Sinn nicht aufs Fensterputzen spezialisiert ist, aber genau dann seinen großen Auftritt hat, wenn es um eine klare Sicht geht. „Wir treten dann in Erscheinung, wenn ein produzierendes Industrieunternehmen Informationen aus seinen Flüssigkeiten haben möchte, um mit diesen Daten Prozesse zu optimieren oder bestimmte Parameter zu bewerten“, erklärt der kaufmännische Geschäftsführer Georg Heinz beim GEWINN-Lokalaugenschein im Wiener Büro samt angeschlossener Produktion inklusive 3D-Drucker und Bereich für Kundenapplikationen. Dabei setzt das vierköpfige Gründerteam, zu dem neben Heinz auch Stefan Radel als technischer Geschäftsführer und Physikexperte sowie Christoph Gasser (Technische Chemie) und Stefan Tauber (Hardware-Experte) gehören, auf eine patentierte Ultraschalltechnologie. Mithilfe dieser und den entsprechenden Geräten lassen sich laut den Gründern mit unterschied­lichen Messsystemen sehr genaue, verlässliche Echtzeit-Ergebnisse erzielen.

Usepat bietet aktuell die Produkte Soniccatch zur Bündelung verschiedenster Teilchen wie biologische Zellen, kleins­te Kristalle, Schwebstoffe wie Mikroplas­tik oder sogar Öltröpfchen und kleine Luftblasen in den Flüssigkeiten sowie Sonicclean und Sonicwipe zur Reinigung von Sensoren an.

Drei Geräte zur Ultraschallerzeugung
Mit Sonicclean, Sonicwipe und Soniccatch hat Usepat drei Geräte zur Ultraschallerzeugung entwickelt, um Sonden zu reinigen und Teilchen in Flüssigkeiten für genauere Messergebnisse zu bündeln© usePAT

Messung im Produktionsprozess

Das Besondere und bis dato ein Alleinstellungsmerkmal auf dem Markt: Diese Messungen zur Qualitätssicherung finden während des laufenden Produktionsprozesses statt, die Flüssigkeiten müssen also nicht entnommen werden. Das spart Zeit und Kos­ten, weil eine schnelle Reaktion auf  Ungereimtheiten möglich ist und so längere Produktionsstillstände verhindert werden können. „Wir ermöglichen unseren Kunden sozusagen industrielles Fahren auf Sicht. Wenn man mit dem Auto eine Strecke im Nebel fährt, muss man seine Geschwindigkeit reduzieren. Langsamer fahren beeinflusst uns aber und kostet Zeit. Hier können wir helfen“, erklärt Radel.

Diese Hilfe nimmt zum Beispiel aktuell Konsumgüterhersteller Henkel CEE in Anspruch. Der für Marken wie Persil, Somat, Pril, Fa, Schwarzkopf, Pattex oder Loctite bekannte Industriebetrieb arbeitet mit Usepat an der Echtzeitoptimierung des Produktionsprozesses von Wasch- und Reinigungsmitteln. Die Zusammenarbeit in Wien am Standort Erdberg, wo Henkel jährlich rund 200.000 Tonnen Flüssigprodukte herstellt, läuft seit rund zwei Jahren. Nach einem versuchsweisen Start ist das Kontrollsystem nun zur Freude von Henkel-Qualitätsmanager Thomas Fuhrmann seit etwas mehr als einem halben Jahr in den Produktionsablauf integriert. „Usepat hilft uns bei der Probenaufbereitung, und zwar passiert das bereits in der Anlage selbst. Wir können damit ­Unregelmäßigkeiten direkt im Produktionsprozess sofort erkennen. Doch vor allem unsere Chargenfreigabe ist durch Usepat um 75 Prozent schneller geworden“, so Fuhrmann.

Vielfältig einsetzbar

Zu den Kunden des im Jahr 2018 gegründeten Start-ups, übrigens ein Spin-off der Technischen Universität Wien, zählen außerdem Unternehmen aus den Branchen Biotech, Pharma, chemische Industrie, Zellstoff und Papier, Bergbau und Abwasser. So finden sich die Produkte von Usepat auch in Kläranlagen. Dort herrscht ein spezielles mikrobiologisches Klima, für das – vereinfacht dargestellt – die Sauerstoffkonzentration eine wesentliche Rolle spielt. Diese wird von bestimmten Sonden gemessen, die nur dann genaue Daten an die den Sauerstoffgehalt regelnden Pumpen liefern, wenn sie nicht verunreinigt sind. Hier erzeugt Usepat ein Ultraschallfeld, das die Sensoren sauber hält. „Da geht es im Übrigen neben der Ressour­censchonung und Stromeinsparung durch korrekt laufende Pumpen auch um Arbeitssicherheit, weil die Sensoren nicht manuell von einem Mitarbeiter gereinigt werden müssen“, führt Radel weitere Vorteil der Produkte seines Unternehmens ins Treffen. Großes Potenzial sieht der technische Geschäftsführer auch in der Lebensmittelproduktion, wo man vor Kurzem ein erstes Projekt in der Milchindustrie gewonnen hat. Kooperationen gibt es darüber hinaus mit Messgeräte- und Sondenherstellern.

Investorensuche: Es muss menschlich passen

Dass ihre Geschäftsidee gut ankommt, zeigt auch das Interesse von Investoren. In zwei Finanzierungsrunden sicherten sich die Start-up-Gründer einmal ein mittleres und einmal ein hohes sechsstelliges Investment von namhaften Business Angels. Dazu kamen noch Startkapital für die Unternehmensgründung von der Förderbank des Bundes AWS sowie weitere Förderungen der AWS, der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) und der Wirtschaftsagentur Wien. „Wir sind sehr glücklich mit unseren Investoren, weil sie uns neben dem Finanziellen auch mit ihrem Know-how und ihrem Netzwerk unterstützen. Wir schätzen den regelmäßigen Austausch und das gegenseitige Vertrauen sehr“, betont Heinz, der das stetige Kontakthalten mit den Investoren auch anderen Gründern ans Herz legt. Radel ergänzt: „Es war uns wichtig, Menschen zu finden, die zu uns passen. Wir sind nicht Exit-getrieben, haben Spaß an dem, was wir tun, und wollen unser Unternehmen Schritt für Schritt weiterentwickeln.“ Nach wie vor halten Radel, Heinz, Gasser und Tauber gemeinsam knapp über 85 Prozent am Unternehmen.

Herausforderung Mitarbeitersuche

Die Gründer, die übrigens auch be­geisterte Teilnehmer des heuer zum 33. Mal stattfindenden GEWINN-Jung­unternehmer-Wettbewerbs sind (hier geht’s zur Vorregistrierung: www. gewinn.com/unternehmen-karriere/jungunternehmer) und im Vorjahr Platz 16 erreicht haben, freuen sich über das stetige Wachstum. Das Team zählt mittlerweile 15 Mitarbeiter und der Umsatz ist sechsstellig. Lediglich die Corona-Pandemie hat der Entwicklung einen kleinen Dämpfer verpasst. Die richtigen Mitarbeiter zu ­finden, beschreiben Heinz und Radel als eine der größten Herausforderungen, wenn sie an die vergangenen fünf Jahre zurückdenken. „Du musst dir genau überlegen, welches Know-how du brauchst, und zulassen, Strukturen zu überarbeiten. Dafür braucht es Mut und Vertrauen“, ist Radel überzeugt. Unerlässlich in diesem Zusammenhang ist auch ein gemeinsamer Arbeitsplatz, wie Heinz meint: „Ak­tuell sprechen alle von Remote Work. Ich halte einen physischen Ort, wo man sich treffen und austauschen kann, aber für enorm wichtig. Vor allem, wenn man mit seinem Unternehmen noch eher am Anfang steht.“

Apropos gemeinsamer Raum: ­Aktuell zeichnet sich eine Verlegung der Produktion vom Büro in der ­Wiener Schönbrunner Straße in den Osten Österreichs ab. „Wir glauben, dass es wichtig ist, die Entwicklung und das kreative Arbeiten räumlich von der Produktion zu trennen“, erklärt Radel. Darüber hinaus steht das Vorantreiben der Internationalisierung auf der Agenda. Außerdem hat Usepat ein Patent angemeldet und will das Schallfeld künftig selbst zum Messgerät machen.

Auf die Frage, ob die Jungunternehmer rückblickend auf die vergangenen fünf Jahre heute etwas grundlegend anders gemacht hätten, sagt Heinz: „Es wäre schön gewesen, wenn man die eine oder andere Herausforderung beim Personal oder auch beim Kundenkontakt etwas früher erkannt hätte, weil das auch immer Auswirkungen auf die Zukunft hat.“ Radel schließt an: „Ich hätte gerne früher gegründet. Wenn man Unternehmer ist, arbeitet man viel, aber man bekommt auch viel Anerkennung. Ich habe schon viele Jobs gehabt, aber so gerne wie jetzt habe ich noch nie gearbeitet. Das schon mit 35 sagen zu können, wäre auch schön gewesen.“

Warum Usepat?

Pat steht für „Process Analytical Technology“, zu Deutsch Prozessanalysetechnologie. Der Name Usepat fordert demnach auf, sich die Prozessanalysetechnologie zunutze zu machen, und ist zusätzlich ein Akronym: ­ Ultrasound-enhanced Process Analytical Technology (= ultraschallverstärkte Prozess­analysetechnologie).

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