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„Der Markt hat immer recht“
Martina Pokorny (links) und Marlies Kinzel von MKP Invest.
© Pepo Schuster, austrofocus.at

Interview

„Der Markt hat immer recht“

Die beiden erfahrenen Finanzexpertinnen Marlies Kinzel und Martina Pokorny raten Frauen dazu, sich frühzeitig Gedanken um die eigenen Finanzen zu machen.

Von Linda Benkö

31.08.2022

Marlies Kinzel und Martina Pokorny haben 2019 mit der MKP Invest in der stark männerlastigen Finanzdomäne eine rein weiblich geführte Vermögensverwaltung gegründet. Im GEWINN-Interview sprechen sie darüber, was aktuell für Anleger zu beachten ist und ob Frauen ihr Geld anders anlegen sollten.

GEWINN: Derzeit machen sich viele Anleger Sorgen angesichts von Inflation, Krieg und einer drohenden Rezession. Muss man sich fürchten?

Pokorny: Ja, es gab auch schon früher Krisen, aber noch nie so viele Baustellen auf einmal. Andererseits ist die Berichtssaison zum zweiten Quartal 2022 in den USA teils recht erfreulich: Der Gewinn von Apple war zwar rückläufig, lag aber über den Analystenschätzungen. Dies trifft auch auf die Google-Mutter Alphabet zu. Amazon konnte seinen Umsatz um sieben Prozent steigern. Solche Titel braucht man im Depot: Unternehmen mit soliden Bilanzen – das sind derzeit viele amerikanische Konzerne mit Preissetzungsmacht, die die Teuerungen an ihre Kunden weitergeben können. Bei ihnen kann man sich sicher sein, dass sie eine Krise relativ gut überstehen, insbesondere, wenn man einen langfristigen Anlagehorizont hat.

Auch Anleihen haben weiterhin ihre Berechtigung. Nach der Kurskorrektur bieten sich interessante Renditen.
Marlies Kinzel, Finanzexpertin

Kinzel: Ja, es ändert sich aktuell nahezu täglich etwas auf politischer und/oder wirtschaftlicher Ebene. Das muss man in der Investmentstrategie berücksichtigen und tun wir auch in unseren Investmentfonds.

GEWINN: Wie sähe im aktuell schwierigen Umfeld ein guter Anlagemix aus?

Pokorny: Wie schon erwähnt, sollen Aktien großer, stabiler und profitabler Konzerne Teil jeder Strategie sein. Sie bieten größeres Potenzial, Rendite zu erzielen. Mit der Veranlagungsstrategie über unsere Investmentfonds versuchen wir, den Investitionsgrad in Aktien sehr dynamisch zu gestalten. Diese Steuerung machen wir für unsere Kunden auf täglicher Basis.

Kinzel: Bei der erwähnten Flexibilität geht es nicht darum, Cash zu horten, sondern um rasches Agieren an den Märkten – zumal die reale Verzinsung von Sparguthaben in Österreich und Deutschland derzeit weit im Minus liegt. Auch Anleihen haben weiterhin ihre Berechtigung. Nach der Kurskorrektur bieten sich interessante Renditen. Wir setzen auf Unternehmensanleihen global agierender Unternehmen mit gesunden Bilanzen, die dank höherer Eigenkapitalfinanzierung nicht so stark auf Zinssteigerungen reagieren, und mischen Bonds aus Schwellenländern mit etwas geringerem Bonitätsrating bei. Wie die Ausgestaltung eines Portfolios konkret aussieht, ist sehr individuell und von vielen Faktoren abhängig: Gibt es baldigen Liquiditätsbedarf? Wie viel Risiko verträgt man? Welche sind die Lebens- und Investmentziele?

China könnte bald wieder interessant werden, wenn sich die Covid- und damit die Lieferkettenproblematik entspannt.
Martina Pokorny, Finanzexpertin

Pokorny: Was Aktien betrifft, sind wir bei Emerging Markets allerdings sehr vorsichtig. Indische Titel etwa, die wir noch im Vorjahr gehalten haben, sind längst wieder verkauft. China könnte bald wieder interessant werden, wenn sich die Covid- und damit die Lieferkettenproblematik entspannt. Zu 70 bis 75 Prozent bilden wir beim Aktienanteil den US-Aktienmarkt ab. Auf Europa entfallen rund zehn, auf die Schweiz rund fünf Prozent. Sollte der Ukraine-Konflikt andauern, ist es sehr wahrscheinlich, dass Europa im Vergleich mit den USA noch längere Zeit das Nachsehen haben wird.

GEWINN: Erleben wir derzeit eine Bärenmarktrally?

Pokorny: Falls ja, werden wir unsere Positionen weiter absichern und mögliche negative Bewegungen nachher wieder nutzen. Der Markt hat immer recht. Wenn wir meinen, es wäre gut, Risiko zu reduzieren, können wir das rasch und flexibel tun. Wir handeln auf Ebene unserer Fonds mit ganz liquiden Futures auf die Indizes Standard & Poor’s 500 oder EuroStoxx mit sehr geringen Gebühren.

GEWINN: Die Preise für viele Rohstoffe schwächeln derzeit. Bietet sich eine Kaufgelegenheit? Und taugt physisches Gold als Inflationshedge?

Pokorny: Wir beobachten Rohstoffe sehr genau. Wenn wir um eine Rezession herumkommen, könnten Rohstoffe demnächst eine interessante Assetklasse sein. Physisches Gold allerdings ist schon lange keine Krisenwährung mehr. Ich habe nie an Gold geglaubt. Kryptowährungen kommen für uns ebenfalls nicht in Frage. Nicht umsonst ist ein weiterer unserer Leitsätze: Die Gier ist ein Hund! Bitcoin und Co sind extrem spekulativ, deren Kursentwicklung kaum abschätzbar.

GEWINN: Die Pension von Männern lag 2021 bei durchschnittlich 2.100 Euro (brutto), jene von Frauen bei 1.239. Sollen Frauen risikofreudiger anlegen als Männer, um eine höhere Rendite zu erzielen?

Kinzel: Frauen beziehungsweise diverse Menschen sollen oder müssen grundsätzlich nicht anders anlegen als Männer. Sehr wohl aber braucht es für den Anlageerfolg ein gewisses Zeit und Interessensinvestment sowie den autonomen Umgang mit dem Thema. Das „Ich“ statt dem „Wir“ darf ruhig sein. Allenfalls sollen Frauen früher beginnen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, wie sie ihr späteres Leben finanzieren möchten.

Pokorny: Wir beide sind mit dem Gedanken älter geworden, dass die staatliche Altersvorsorge ein Auslaufmodell sein wird. Eine Lernaufgabe für Frauen ist sicher, Risiko auszuhalten.

Über…

Marlies Kinzel war nach dem Studium der Rechtswissenschaften und Sprachen sowie einem internationalem Post Graduate bei renommierten österreichischen Banken und internationalen Vermögensverwaltern tätig, u.a. bei Creditanstalt-Bankverein, Coutts & Co. (London), Merrill Lynch International und beim Bankhaus Sal.
Oppenheim (Köln).

Martina Pokorny war nach ihrem Studium der Betriebswirtschaft in der Erste Bank Group sowie bei Merrill Lynch International mit Stabs- und Kundenagenden betraut. Es folgten Tätigkeiten für kleinere Investmentboutiquen mit dem Fokus auf der Verwaltung privater und institutioneller Vermögen.

MKP Invest: Die Wertpapierfirma betreut Privatkunden, österreichische Privatstiftungen und Sondervermögen anderer juristischer Personen ab einem Volumen von 500.000 Euro. Kinzel und Pokorny beraten darüber hinaus das Management der drei Investmentfonds Active Equity Select, Active Global Balanced sowie Active Bond Select.

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