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Gesundheit
Das unterschätzte GPS im Körper
Rund 55 Prozent der Österreicher geben an, regelmäßig Sport zu treiben. Gleichzeitig zählt ein großer Teil der Bevölkerung zu den sogenannten Bewegungsmuffeln. Besonders bei beruflich stark geforderten Menschen bleibt Bewegung im Arbeitsalltag häufig auf der Strecke. Vielleicht lohnt es sich, das Thema Bewegung einmal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten – nicht als sportliche Pflicht, sondern als essenzielle Voraussetzung für Sicherheit, Leistungsfähigkeit und langfristige Selbstständigkeit.
Ein Sinn im Hintergrund
Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Ihr Körper ganz selbstverständlich weiß, wie er die Gabel zum Mund führt? Oder warum Sie sich auch im Dunkeln sicher durch Ihre Wohnung bewegen können? Die Antwort liegt in der Propriozeption – oft als unser „sechster Sinn“ bezeichnet. Sie beschreibt die Fähigkeit des Körpers, die eigene Position und Bewegung im Raum wahrzunehmen. Diese Wahrnehmung entsteht durch spezialisierte Rezeptoren in Muskeln, Sehnen und Gelenken, die über den gesamten Körper verteilt sind. Bei jeder Bewegung senden sie laufend Informationen über Nervenbahnen an das Gehirn.
So weiß unser Nervensystem jederzeit, wo sich Arme, Beine und Rumpf befinden, wie stark Muskeln angespannt sind und welche Bewegung als Nächstes sinnvoll ist. Man könnte sagen: Die Propriozeption ist das körpereigene GPS-System, das permanent im Hintergrund arbeitet.
Wie jedes Navigationssystem braucht auch dieses regelmäßige „Updates“. Diese Updates erfolgen ausschließlich über Bewegung. Wird der Körper bewegt, werden die Rezeptoren stimuliert und das Zusammenspiel zwischen Muskeln, Gelenken und Gehirn trainiert.
Fehlen diese Reize – etwa durch überwiegend sitzende Tätigkeit, monotone Bewegungsabläufe oder wenig körperliche Aktivität –, nimmt die Qualität der propriozeptiven Wahrnehmung schrittweise ab. Reaktionen werden langsamer, die Koordination lässt nach, Bewegungen werden unsicherer. Das geschieht nicht abrupt, sondern schleichend. Langfristig kann das zu einer geringeren Stand- und Gangsicherheit, einer erhöhten Verletzungs- und Sturzgefahr, eingeschränkter Beweglichkeit und schnellerem Ermüden im Alltag führen. Gerade Menschen, die viel am Schreibtisch arbeiten, sind davon häufiger betroffen, als sie vermuten.
Um die Propriozeption zu trainieren, braucht es weder Hochleistungssport noch spezielle Geräte. Entscheidend ist, dem Körper abwechslungsreiche Bewegungsreize zu geben. Bereits kurze, regelmäßig durchgeführte Übungen können das Zusammenspiel von Muskulatur und Nervensystem deutlich verbessern.
Drei einfache Übungen
1. Einbeinstand: Stellen Sie sich aufrecht hin und verlagern Sie das Gewicht auf ein Bein. Das freie Bein leicht anheben. Halten Sie die Position für 20 bis 30 Sekunden. Zur Steigerung können Sie die Augen schließen oder die Standzeit verlängern.
2. Vierfüßlerstand mit diagonaler Bewegung: Gehen Sie in den Vierfüßlerstand (Hände unter den Schultern, Knie unter der Hüfte). Heben Sie gleichzeitig den rechten Arm und das linke Bein an, halten Sie kurz, dann wechseln Sie die Seite.
3. Fußsensorik im Sitzen: Rollen Sie im Sitzen einen kleinen Ball oder eine Mini-Blackroll unter der Fußsohle vor und zurück. Variieren Sie den Druck.
Bewegung als Investition
Propriozeption ist kein abstraktes Konzept aus der Sportmedizin, sondern eine Fähigkeit, die maßgeblich darüber entscheidet, wie sicher und ermüdungsfrei wir uns im Alltag bewegen. Regelmäßige Bewegung kann zu einer Investition in langfristige Leistungsfähigkeit und Selbstständigkeit werden.


