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Börse Zürich erklimmt Kursgipfel © KavalenkavaVolha – GettyImages.com

Aktienmarkt Schweiz

Börse Zürich erklimmt Kursgipfel

Nach dem Erreichen neuer Höchststände hätte sich die Schweizer Börse zwar eine Verschnaufpause verdient, die Aussichten für 2022 bleiben aber positiv.

Von Franz Gschiegl

11.01.2022

Schweizer Aktien finden eher selten Eingang in österreichische Wertpapierdepots, sieht man einmal von einigen international bekannten Unternehmen wie dem Nahrungsmittelmulti Nestlé, den Pharmariesen Roche und Novartis sowie den Großbanken Credit Suisse und UBS ab. Die Zürcher Börse würde sich aber durchaus mehr Aufmerksamkeit verdienen, zeichnet sie sich doch durch zahlreiche Qualitätswerte und eine langfristige Beständigkeit aus. Der ­sukzessive Anstieg des Schweizer Franken hat zudem das Anlageergebnis aus Sicht von Anlegern aus dem Euro-Raum nahezu durchgehend verbessert.

Die Schweiz hat dabei als internationale „Finanzhochburg“ kaum an Attraktivität eingebüßt, auch wenn vorübergehend einige Kapitalströme Richtung Singapur und andere Finanzhäfen festzustellen waren. Die Eidgenossen haben mit diplomatischem Geschick ihre Position zu den internationalen Handelspartnern und vor allem gegenüber der Europäischen Gemeinschaft sehr gut behauptet. Politische Stabilität, Rechtssicherheit und gute konjunkturelle Rahmenbedingungen sprechen für die Qualität unseres westlichen Nachbarn.

Langfristvergleich: 7,8 Prozent p. a.

Das renommierte Schweizer Bankhaus Pictet veröffentlicht seit 1988 alljährlich Langzeitstudien über den Schweizer Kapitalmarkt. Das Datenmaterial reicht dabei bis Ende 1926 zurück, also bald einhundert Jahre. Hätten unsere Groß- oder Urgroßväter damals 100 Franken in Schweizer Aktien investiert, so wären dies nun nach 95 Jahren nominell sensationelle 150.516 Franken, unter Abzug der Inflationsrate immerhin auch noch 24.300. Nominell ergibt dies im Durchschnitt ansehnliche 7,8 Prozent pro Jahr, unter Berücksichtigung des Kaufkraftver­lus­­tes (also der Inflation) bleiben immerhin noch 5,8 Prozent p. a. übrig. Die vergangenen zehn Jahre waren mit durchschnittlich neun Prozent plus pro Jahr ein sehr gutes Dezennium. Dabei spielte auch die Inflation kaum eine Rolle, weil sie über eine lange Zeit hinweg negativ war.
Das beste Börsenjahr in dieser Langfristperiode war übrigens 1985 mit einem Plus von 61,4 Prozent, am meisten verlor man 2008 mit 34,1 Prozent. Da zeigt sich wieder, dass eine „Buy-and-hold“-Strategie, also das langfristige Halten von Aktien, eben mit einem entsprechenden Ertrag belohnt wird. Die Annahme, dass sich diese Wertentwicklung auch in den nächs­ten Jahren und Jahrzehnten langfris­tig und im Durchschnitt zeigen wird, ist durchaus berechtigt.

Doch wie kann es nach dem „Gipfelsturm“ weitergehen?

Der 20 Werte umfassende SMI (Swiss Market Index) hat seit seinem „Corona-Tief“ vom März 2020 um exakt zwei Drittel zugelegt und damit seinen Stand von 7.650 auf 12.687 im Dezember 2021 verbessert (siehe Grafik auf Seite 36). Ja, das Stimmungsbild der Börsianer hat sich dabei „von „zu Tode betrübt“ auf „himmelhoch jauchzend“ in nur eineinhalb Jahren dramatisch gedreht. Nochmals ein Plus von 66 Prozent in den kommenden Monaten zu erwarten, wäre natürlich sehr vermessen, aber von einem positiven Grundton sollte man allemal ausgehen können.
Den größten Einfluss auf das weltweite Börsengeschehen hatte weiterhin das Corona-Virus. Die Hoffnungen auf eine Kontrolle bzw. ein baldiges Ende der Pandemie hat Kursanstiege ausgelöst, Rückschläge in dieser Hinsicht zu Kursverlusten geführt. Wie sich die Pandemie weiterentwickelt und welche Auswirkungen das auf die Börse Zürich haben kann, ist seriöserweise nicht abschätzbar.

Gesamtwirtschaftlich hat sich die Schweiz als „Festung in Europa“ wieder einmal gut behauptet, auch wenn die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) in ihrer jüngsten Prognose die Schätzung für das reale Wirtschaftswachstum für 2021 von vier auf 3,2 Prozent reduzieren musste. Hauptverantwortlich dafür sind die globalen Lieferengpässe und die Unsicherheiten betreffend die Pandemie.
Für 2022 erwarten sich Konjunkturforscher ein Plus von 3,6 Prozent, wobei die Inflationsängste im Vergleich zu vielen anderen Industriestaaten gering sind. Höhere Energie- und Rohstoffpreise sowie anhaltende Lieferengpässe werden sich jedoch auch in der Schweiz bemerkbar machen.

Währung und Zinsen leicht steigend erwartet

Hinsichtlich der Relation des Schweizer Franken zum Euro gab es von Septem­ber bis Dezember 2021 wie-der einen merkbaren Anstieg von über 1,09 auf 1,0363. Tendenziell werden für 2022 geringe Ausschläge erwartet, leicht bessere Kurse des Schweizer Franken zum Euro sind ­jedoch langfristig wahrscheinlicher als umgekehrt. Jede Aufwertung des Franken zum Euro verbessert natürlich dann auch das Anlageergebnis von Schweizer Aktien aus Sicht eines Euro-Anlegers.
In Bezug auf die Zinslandschaft ist weltweit für heuer global mit Bewegungen nach oben zu rechnen, da die Inflation offensichtlich doch „gekommen ist, um zu bleiben“. Wie erwähnt wird sich dies im „Negativzinsland“ der Eidgenossen nur geringfügig niederschlagen. Auch auf dem Anleihenmarkt, wo zum Jahreswechsel gleich wie in Deutschland für zehnjährige Bundesanleihen noch ein Negativzins von 0,30 Prozent genannt wird, ist nur mit einem marginalen Zinsanstieg zu rechnen.

Charttechnik: Warten auf Impulse . . .

Charttechnisch betrachtet hätte sich der Schweizer Börsenindex SMI nach dem bemerkenswerten Aufholprozess wohl eine Pause verdient. Für eine kräftige Aufwärtswelle wären wohl auch neue Impulse vonnöten, erst dann wäre der Weg für den Index in Richtung 13.500 bis 14.000 Punkte frei. Überwiegen die schlechten Nachrichten und wird die Geduld der Anleger im Hinblick auf bald rosigere Zeiten enttäuscht, dann wäre ein Rücksetzer auf das Septembertief 2021 bei 11.500 Punkten zu erwarten.
Zu beachten ist allerdings, dass drei der 20 im SMI erfassten Unternehmen für 52 Prozent der Indexentwicklung verantwortlich sind. Es ist daher sinnvoll, sein Augenmerk auf Nestlé (19 Prozent an Indexgewicht) und die beiden Pharmakonzerne Roche (18 Prozent) und Novartis (15 Prozent) zu werfen. Nestlé und Roche weisen aktuell einen technischen Aufwärtstrend auf, Novartis weist hingegen Richtung Süden.

Charts

Bewertung „relativ“ attraktiv

Die Bewertung des Schweizer Gesamtmarktes mit dem etwa 22-Fachen der für 2022 erwarteten Gewinne ist zwar respektabel, aber historisch betrachtet noch nicht extrem. Sehr attraktiv ist unverändert die Dividendenrendite bei etwas unter drei Prozent – vor allem im Hinblick auf die Negativzinsen auf dem Geld- und Anleihenmarkt.
Zu den „Dividendenkaisern“ zählen „traditionsgemäß“ viele Assekuranzwerte wie Swiss Re, Zürich Insurance oder Swiss Life mit ansehnlichen vier Prozent und darüber. Zu beachten ist natürlich, dass man sich nicht ausschließlich von hohen Dividendenrenditen leiten lassen sollte, sondern immer die Gesamtbetrachtung des Unternehmens ausschlaggebend sein sollte.

Die aktuellen Aktienfavoriten

Strategisch sollte man Schwäche­phasen an der Börse für den Aufbau ­von fundamental soliden Aktien ­nützen. Unter den Bluechips sind der weltweit führende Geruchs- und Geschmacksstoffproduzent Givaudan, der Sanitärartikelhersteller Geberit und Straumann (Weltmarktführer bei Zahnimplantaten, hohe Gewinne bei Premiumzahnspangen) attraktiv.
Dätwyler Holding (Zulieferer und Distributor technischer und elekt­ronischer Komponenten, z. B. Dichtungs-, Verschluss- und Verpa­ckungslösungen), der Baustofflieferant Sika, Leonteq (Technologien und Serviceplattformen für strukturierte Anlageprodukte) und die VAT Group (weltweit führend bei Vakuumventilen für die Halbleiter- und Solarbranche) könnten auch 2022 ihren Aufwärtstrend beibehalten.

Pro und Contra investieren an der Zürcher Börse

Die Argumente der Optimisten:
+ Positive Stimmung nach gutem Börsenjahr mit Indexrekordständen.
+ Die Schweiz bleibt unverändert ein sicherer Hafen in Krisenzeiten.
+ Aktien im aktuellen Umfeld weiterhin die attraktivste Anlageklasse.
+ Die Schweizer Wirtschaft bleibt ­robust.
+ Der Schweizer Franken könnte zum Euro weiter aufwerten.

Die Argumente der Pessimisten:
– Investoren reagieren nervös auf negative Pandemieneuigkeiten.
– Die Angst vor Kurseinbrüchen nach dem Corona-Crash sitzt noch tief.
– Die Schweiz ist im Weltindex nur gering vertreten.
– Singapur wird als internationaler Bankenplatz immer mehr Konkurrent.
– Nach den mehrmonatigen Kursanstiegen ist die Börse labil.

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