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Autos gar nicht so fern der Zukunft
Der Audi grandsphere concept wirkt von außen martialisch, ist innen viel mehr eine Lounge. Sportlich ist er, mit einer Spitzenleistung von 530 kW. Und selber fahren kann er auch
© Audi AG

Vom Prototyp zur Serie

Autos gar nicht so fern der Zukunft

Wir werden künftig elektrisch angetrieben unterwegs sein. Das legen die aktuellen Fahrzeugstudien diverser Autohersteller nahe. Wir wagen einen kleinen Überblick.

Von Guido Gluschitsch

01.12.2021

Viele nutzen das Ende des Jahres, um noch einmal zurückzuschauen. Was lief gut, was hatschert? Wir machen das hier nicht. Wir blicken nach vorne. Und das auch gleich ein ganzes Stück weit. Wir schauen uns die Auto-Studien verschiedener etablierter Hersteller an  und wagen so einen Blick in die Zukunft.
Jaja, schon klar, nicht alle Studien schaffen es in die Serie. Manchmal ist das auch ganz gut so. Denken wir zurück an die 50er Jahre, den Beginn des Atomzeitalters. Damals war man von der neuen Technik der Energiegewinnung so begeistert, dass etwa Ford mit dem Nucleon einen Wagen mit Kernreaktor im Heck entwarf. Was da bei einem Auffahrunfall passiert wäre, mag man sich heute nicht ausdenken. Doch bei den Fahrzeugen, die wir hier anschauen, kann man wohl sagen, dass sie eine bereits begonnene Revolution fortführen – die, hin zur E-Mobilität. Die kommt nicht nur, die ist schon da.

Bei uns legte der E-Auto-Anteil bei den Neuzulassungen von Jänner bis September um fast 170 Prozent zu – während die Dieselauto-Verkäufe um mehr als 32 Prozent zurückgingen. Im September wurden erstmals überhaupt mehr E-Autos als Diesel-Pkw neu zugelassen. Wir dürfen also viele Neuerungen bei den E-Autos erwarten, und wie die aussehen könnten, das sehen wir etwa beim Audi grandsphere concept – den Audi den Privatjet für die Straße nennt.

Audis Privatjet

Automatisiertes Fahren auf Level 4 macht es möglich, dass man kein Lenkrad, keine Pedale oder Anzeigen braucht – darum verschwinden sie beim Aktivieren des entsprechenden Modus. Über bleibt eine geräumige und luxuriöse Lounge. „Nicht mehr der Antrieb, nicht mehr die Fahrdynamik stehen oben im Lastenheft dieser neuen Generation von Automobilen. Sondern der Ausgangspunkt ist der Innenraum, die Lebens- und Erlebnis-Sphäre der Insassen unterwegs“, erklärt die Designabteilung. Die Türen gehen gegenläufig auf, eine B-Säule gibt es nicht mehr. Am Gang einer Person wird erkannt, wer sich dem Auto nähert, und die entsprechenden Voreinstellungen werden eingerichtet – von der Sitzposition bis zur Klimatisierung.

Ganz außer Acht hat Audi den Antrieb aber nicht gelassen. Die Akkus sind stattliche 120 kWh groß und machen den Wagen mit rund 750 Kilometer Reichweite langstreckentauglich – obwohl die beiden E-Motoren auch gut mit Energie umgehen können, hat der grandsphere doch eine Maximalleis­tung von 530 kW, ein Gesamtdrehmoment von 960 Newtonmeter.

Recycling-BMW

Einen ganz anderen Fokus setzt BMW bei seinem i Vision Circular, mit dem die Bayern schon ins Jahr 2040 schauen wollen. Hier geht es neben Luxus vor allem um das Thema Nachhaltigkeit.
Der Wagen ist konsequent nach den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft gestaltet, heißt es von BMW, und steht so „sinnbildlich für das ambitionierte Vorhaben der BMW Group, der nachhaltigste Hersteller für individuelle Premiummobilität zu werden.“ Es geht also nicht nur um E-Mobilität, sondern auch um Ressourcenschonung, etwa durch die Verwendung von Sekundär-Aluminium oder -Stahl. Das Fahrzeug besteht zur Gänze aus Recycling-Material und ist selbst komplett recyclingfähig. Das soll auch für die Batterie gelten. „Die Feststoffbatterie des BMW i Vision Circular ist zu 100 Prozent recyclingfähig und nahezu vollständig aus Materialien hergestellt, die aus dem Recycling-Kreislauf stammen. Gleichzeitig wird sie mit deutlich weniger der wertvollsten Ressourcen eine deutlich höhere Energiedichte erzielen.“

Dieser BMW verzichtet auf Außenlacke, Leder und Chrom, verbaut sind stattdessen biobasierte Rohstoffe. Details zum Antrieb haben wir noch nicht.
Aber das macht auch nicht wirklich was, denn bis 2040 zieht ja eh noch ein gutes Dutzend Wunderakkus ins Land und vielleicht schafft es ja einer von denen tatsächlich in die Realität.

Wenn BMW an die Zukunft denkt, dann geht es auch um Umweltschutz. Der i Vision Circular besteht aus wiederverwerteten Materialien und lässt sich auch selbst voll rezyklieren© BMW AG

ID. Life

Schon deutlich früher, nämlich voraussichtlich 2025, werden wir den nächsten Protagonisten fahren können. Als Studie heißt er ID. Life. Er wird ein Elektro-SUV in der Größe des Polo sein und einen Einstiegspreis von 20.000 bis 25.000 Euro aufrufen. Und ja, er ist von Volkswagen. Bis zum Marktstart wird sich nicht mehr allzu viel ändern. Vielleicht noch der Name und die eine oder andere Designspielerei. Beim Antrieb aber wohl eher nicht.

Der ID. Life steht auf der kleinsten E-Plattform von Volkswagen und wird einen Vorderradantrieb mit 172 kW, 234 PS haben. In unter sieben Sekunden wird er aus dem Stand auf Tempo 100 beschleunigen können und mit seiner 57-kWh-Batterie wird er rund 400 Kilometer weit kommen. Volkswagen bedient ebenfalls das Thema Recycling: „Im Klarlack für die Karosserie werden Holzspäne als natürliche Farbgeber und ein biobasierter Härter verwendet.“ Künftig soll gar komplett auf einen Außenlack verzichtet werden. „Das Luftkammer-Textil für das Dach und die Frontabdeckung bestehen zu 100 Prozent aus wiederverwerteten PET-Flaschen. Unter anderem dienen Bio-Öl, Naturkautschuk und Reishülsen als Grundstoffe für die Reifen. Im Innenraum wird vom FSC (Forest Stewardship Council) zertifiziertes Holz für die Einfassungen von Armaturentafel und Fondsitzbereich mit Artvelours Eco für die Sitzoberflächen und Türverkleidungen kombiniert. Geschredderte Altreifen verhelfen dem Rubber-Paint-Lack für den Einstiegsbereich zu einer besonders markanten Oberflächenstruktur.“ So weit, so gut, aber ganz schlüssig wirkt das Konzept dann nicht mehr, wenn man in die Rückspiegel schaut.

Solche gibt es nämlich nicht. Die bekannten energieautarken Seiten- und Rückspiegel werden durch Kameras und Displays ersetzt. Wie nachhaltig das ist, kann sich jeder selber leicht ausrechnen. Reduzierter hat das Microlino gelöst.

Mit dem ID. Life zeigt VW, wie ein kleiner vollelektrischer SUV aussehen könnte. Rückspiegel hat er keine mehr – Kameras nehmen das Bild auf, das auf Displays eingespielt wird© Volkswagen AG

Microlino-Minimalismus

Bei dem kleinen E-Auto, das stark an die Isetta von BMW erinnert, sind die Seitenspiegel in den Scheinwerfern untergebracht. Oder die Scheinwerfer in den Rückspiegeln? Egal. Jedenfalls treibt der Microlino den Minimalismus auf eine spannende Spitze. Er bietet Platz für zwei Personen und ein klein wenig Gepäck. Es gibt ihn mit drei Akkugrößen die für Reichweiten von 95 bis 230 Kilometer stehen. Der Microlino wiegt nur 513 Kilogramm, fährt bis zu 90 km/h schnell und kos­tet ab 12.500 Euro. Und noch was: Die Reduktion auf das Wesentliche erleichtert nicht nur die Parkplatzsuche in der Stadt – er ist klein genug, um quer in eine Lücke zu passen –, auch das Laden geht erstaunlich schnell, weil die Akkus nicht so groß sind. In vier Stunden ist der Microlino vollgeladen. Nein, nicht am Supermegahochvolt-Charger, sondern an der Haushaltssteckdose.

Microlino, die Wiedergeburt der BMW Isetta. Rein elektrisch angetrieben. Leicht, klein und vor allem für den Verkehr im näheren Umfeld angedacht, kommt er mit kleinen Akkus aus© Microlino

Smarts SUV

Haben Sie beim Querparken auch gleich an den Smart denken müssen? Ganz ist sich das ja nie ausgegangen, einen Smart daquer in eine Parklücke zu stellen, und darum hat sich das auch nicht durchgesetzt. Beim nächsten Smart wird man gleich gar nicht mehr auf die Idee kommen. Denn auch Smart arbeitet an einem SUV. Die Studie heißt Concept #1, ist 4,290 Meter lang und soll von Daimler als Konkurrent zu Volkswagens ID.3 und ID.4 ins Rennen geschickt werden.

Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass man bei Smart über einen SUV nachdenkt, nun dürfte die Ambition, einen auch zu bauen, aber deutlich größer sein als beim ersten Anlauf. Darauf lässt auch das Joint Venture mit Geely schließen. Beide arbeiten nämlich gleichberechtigt an diesem Projekt. Sie wollen „Smart zu einem führenden globalen Anbieter von vernetzten, batterieelektrischen Premiumfahrzeugen für anspruchsvolle Kundengruppen“ machen. „Die Entwicklung der nächsten Generation von Smart-Fahrzeugen erfolgt im globalen Engineering-Netzwerk von Geely; das Exterieur- und Interieur-Design entsteht im weltweiten Mercedes-Benz Design-Netzwerk“, erklärt Daimler. Und innen geht es wie zu erwarten wieder einmal loungeig zu, und Bildschirme ersetzen die herkömmlichen Anzeigen und die meis­ten Bedienknöpfe. Über einen möglichen Marktstart gibt es nur Gerüchte. Und die wildesten von ihnen besagen, dass der Smart-SUV schon im kommenden Jahr kommen könnte. Ganz anders sieht das beim nächsten Auto aus.

Smart verlässt das Segment der Kleinwagen, will mit einem SUV neue Kundenschichten ansprechen. Kooperationspartner ist der chinesische Geely-Konzern, dem auch Volvo gehört© Smart

Cupras Streitwagen

Der Cupra UrbanRebel Concept wird so, wie ihn die Spanier vorgestellt haben, sicher nicht auf den Markt kommen. Allein die Felgendekoration schaut schon so gefährlich aus, dass man bezweifeln kann, dass man dafür je eine Straßenzulassung bekommen könnte. Die Zeit der Streitwagen, die mit ihren Achsspitzen die Räder der Gegner zerstörten, ist eben schon ziemlich lange vorbei. Und auch der mächtige Flügel am Heck wird wohl dem Konzeptauto vorbehalten bleiben. Aber unterm Strich halten wir fest: Cupra hält am eingeschlagenen Weg, performante E-Autos zu bauen, weiter fest.

Aber ein Konzeptauto ist eben nur ein Konzeptauto. Oder aus dem Mund von Wayne Griffiths, CEO von Cupra, klingt das dann so: „Das Cupra UrbanRebel Concept ist eine radikale Interpretation des urbanen Elektrofahrzeugs, das 2025 auf den Markt kommen soll. Dieses Rennkonzept gibt einen Einblick in die Designsprache des Stadtautos der Zukunft und wird diese inspirieren. Das urbane Elektrofahrzeug ist ein strategisches Schlüsselprojekt – nicht nur für unser Unternehmen, sondern für den gesamten Volkswagen-Konzern.“ Mehr als 500.000 dieser elektrischen Stadtautos sollen pro Jahr für die verschiedenen Konzernmarken im Seat-Werk in Martorell gefertigt werden. Und damit ist, wie wir es schon vom Käfer und dem Golf kennen, wieder einmal von der Demokratisierung der Mobilität – in dem Fall der E-Mobilität – die Rede.

Ob der bis zu 320 kW, 435 PS starke und in 3,2 Sekunden von 0 auf 100 km/h sprintende Cupra aber zum europäischen Brot-und-Butter-Auto werden wird? Da sind wir uns nicht so sicher. Wohl aber, dass die Mobilität der Zukunft elektrisch, emotional und das eine Mal ziemlich flott, das andere Mal recht witzig sein wird.

Seat lädt seine Sportwagentochter Cupra nicht nur weiter elektrisch, sondern auch emotional auf. Ganz so wie hier wird der UrbanRebel Concept nicht kommen. Aber fast so © Cupra/ Uli Weber

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