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Interview
„Auch die Old Economy läuft derzeit sehr gut“
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Zum Zeitpunkt des Interviews in der Zentrale der Raiffeisen Bank International herrscht brütende August-Hitze. Doch Gunter Deuber, Leiter von Raiffeisen Research und Chefökonom der RBI, analysiert kühl und präzise die ebenso heiße Entwicklung an den Börsen.
GEWINN: Die Börsen befinden sich trotz widrigen geopolitischen Umfelds auf Rekordniveau. Selbst in Märkten wie Deutschland, wo man mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hat, steigen die Kurse auf breiter Front. Wie lässt sich das erklären? Eine Folge des KI-Booms?
Deuber: Der KI-Investitionsboom ist, ausgehend von den USA, weiterhin ein wichtiger Faktor am globalen Kapitalmarkt und strahlt immer breiter ab. Es sind nicht mehr nur die sogenannten Hyperscaler selbst, sondern auch Chiphersteller und Infrastrukturunternehmen, die davon profitieren. Ich glaube, dass man in Europa manchmal die Dimension dieser Entwicklung nicht klar gesehen hat. Allein die großen Hyperscaler investieren in Summe so viel wie die gesamte deutsche Volkswirtschaft, der private Sektor, im Jahr. Aber auch die Old Economy, wie zum Beispiel die Finanzbranche und die Energieversorger, läuft derzeit sehr gut, was oft ein bisschen unterschätzt wurde. Wir müssten uns ja nur Sorgen machen, wenn sich die Börsen von der Realwirtschaft entkoppeln würden, aber die Entwicklung der Unternehmensgewinne ist sehr positiv.
GEWINN: Insbesondere auch die Wiener Börse zählt zu den am stärksten wachsenden Märkten 2026. Das steht in starkem Kontrast zur schlechten gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und Stimmung. Warum boomt die Wiener Börse dennoch?
Deuber: An der Wiener Börse haben Unternehmen aus der Finanzbranche und Energieunternehmen eine hohe Gewichtung, genau jene Bereiche der Old Economy, die, wie gesagt, gut laufen. Und einige wichtige Akteure sind auch wieder in Zentral- und Osteuropa im M&A-Bereich tätig, was eine gewisse Kursfantasie mit sich bringt. Der ATX war ja im Vergleich zum breiten europäischen Markt sehr stark unterbewertet. Und es ist ein typisches Zeichen einer Spätphase eines Aktienmarktzyklus, dass dann auch unterbewertete Märkte wieder aufholen. Die Unterbewertung der Wiener Börse zum europäischen Markt ist langsam geschlossen, und die Indexschwergewichte betrachten wir mittlerweile schon als ausgereizt, aber wir sehen dennoch, dass der ATX die 7.000er-Marke noch erreichen könnte – aber eher erst im Jahr 2027 unter der Voraussetzung, dass das Kapitalmarktsentiment konstruktiv bleibt.
GEWINN: Wie schätzen Sie die weitere konjunkturelle Entwicklung ein?
Deuber: Die Wirtschaft in den USA entwickelt sich besser als erwartet. Die Prognosen für das Wirtschaftswachstum liegen aktuell bei 2,5 Prozent, womit die USA die am stärksten wachsende Volkswirtschaft eines großen Industrielands sind. Aber auch in Europa hält sich das konjunkturelle Umfeld besser als erwartet. Hier gehen wir von einem Wachstum von 0,5 bis 0,8 Prozent für heuer aus.
GEWINN: Was sind Ihre Annahmen für die weitere Inflations- und Zinsentwicklung in Europa?
Deuber: Auf das Gesamtjahr gesehen könnte die Inflation heuer in Europa knapp an der Drei-Prozent-Marke liegen und nächstes Jahr so in Richtung zwei bis 2,2 Prozent gehen. Die EZB wird sehr wachsam bleiben, und wir erwarten daher jetzt im Herbst zumindest noch einmal eine Leitzinserhöhung von 0,25 Prozentpunkten auf 2,5 Prozent. Aber in Europa besteht schon eine gewisse Chance, dass man dann nächstes Jahr die Zinserhöhungen auch wieder zurücknehmen kann.


