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Arbeits- & Gehalts-(wünsche) 2022
Lkw-Fahrer dringend gesucht. 8.000 ­Lenker fehlen in Österreich. Die Unternehmen locken mit Anreizen, nicht mit mehr Geld. Lisa Burgholzer hat auf diese Weise den Weg ins Lkw-Cockpit gefunden
© WKO

Arbeitsmarkt

Arbeits- & Gehalts-(wünsche) 2022

Eigentlich sieht alles ganz gut aus für das wirtschaftliche Jahr 2022. Eigentlich?

Von Erich Brenner

14.01.2022

Wifo und IHS prognostizieren ein hohes BIP-Wachstum (siehe Grafik), unterstützt von vielen positiv gestimmten Studien (Bank-Austria-Konjunktureinschätzung, Manpower Arbeitsmarktbarometer etc.). Sogar bei einem fünften Pandemie-Lockdown wird das Wachstum höher eingeschätzt als 2021.

In der Praxis herrscht zwar mehr Optimismus bei Arbeitgebern und -nehmern vor als die letzten zwei Jahre, aber so ganz gebacken ist das Brot dennoch nicht. Besonders in den Themenbereichen Arbeit und Gehälter. Natürlich ist es schön, wenn Unternehmen neue Mitarbeiter suchen – aber nur wenn sie auch alle neuen Jobs besetzen und das neue Auftragsvolumen bedienen können. Karriere.at etwa weist in einer Studie Ende 2021 aus, dass rund die Hälfte der befragten Unternehmen schon seit mindestens einem halben Jahr Stellen nicht besetzen können.
Arbeitsalltag eben. „Aktuell werden in unserer Branche österreichweit 8.000 Lenker gesucht, allein in Oberösterreich fehlen in den Lkw-Cockpits 1.500 Arbeitskräfte“, schildert Günther Reder, Fachverbands- und oö. Fachgruppenobmann der Transporteure, die Situation. Und das „bei Prognosen, dass sich das Transportaufkommen bis 2030 um 30 Prozent erhöhen werde“.

Was tun, um diesen gordischen Knoten zu öffnen? Gehalt erhöhen und auf so manche für Arbeitgeber als Provokation aufgefassten Gehaltswünsche von Arbeitnehmern reagieren? Laut besagter karriere.at-Studie ist nur die Hälfte der Unternehmen bereit, für schwer besetzbare Stellen höhere Gehälter zu zahlen. Für rund ein Viertel der befragten Arbeitgeber ist das Gehalt sogar kein Thema, wenn es um die Attraktivität der Arbeitsplätze für bestehende und künftige Mitarbeiter geht.
In Oberösterreich setzt die Branche unter anderem auf Anreize. Laut Iris Schmidt, stellvertretende AMS-Landesgeschäftsführerin, finanziert das AMS die Lkw-Führerscheinausbildung, wenn im Gegenzug ein Unternehmen eine Einstellungszusage gibt (ein Anreizsystem, das viele Unternehmen besonders bei offenen Lehrstellen anbieten). Lisa Burgholzer hat auf diese Weise den Weg ins Lkw-Cockpit gefunden und ist mittlerweile seit eineinhalb Jahren als Lkw-Lenkerin unterwegs: „Mir macht dieser Beruf Spaß, weil er abwechslungsreich ist, jeden Tag neue Herausforderungen mit sich bringt und sich gut mit meinem Privatleben vereinbaren lässt.“
Privatleben – ein Schlüsselwort, das immer wichtiger wird (siehe Grafik sowie Kasten) und worauf Unternehmen 2022 entsprechend eingehen und es in ihre Personalstrategie aufnehmen sollten.

© Peter Schmidt

Gehaltsexperte Conrad Pramböck, CEO von Upstyle Consulting und mehrfacher Buchautor, zum Thema Gehälter, über . . .

Gehaltswünsche und Reaktionen im Arbeitsalltag

  • . . . Einkommensgewinner 2021: „Techniker, gleichgültig ob mit abgeschlossener Lehrausbildung, HTL oder Akademiker. IT-Experten, ob Software-Entwickler, Scrum Master oder IT-Architekt, IT Security oder Künstliche Intelligenz. Finanzen, vor allem Controller und Buchhalter, sowie Experten in Verkauf und Beratung, vor allem im B2B-(Firmenkunden-)Geschäft.
  • . . . „typische Wortmeldungen“ aus Personalabteilungen: „Wir lächeln nur noch milde, wenn uns ein 30-jähriger Kandidat seine Gehaltsvorstellung nennt. Letztes Jahr noch haben wir für diese Stelle ein Gehalt von 50.000 Euro als hoch bewertet. Heute nennen uns 80 Prozent der Kandidaten 70.000 Euro, der Rest will 100.000 Euro verdienen.“
    „Wir haben aufgehört, Inserate zu schalten. Es meldet sich ja doch niemand zu einem Betrag, den wir bereit sind zu zahlen, um nicht unser bestehendes Gehaltssystem komplett über den Haufen zu werfen.“
    „Neulich hatten wir einen Kandidaten, der ohne Matura und weniger als zehn Berufsjahren weit mehr als 30 Prozent als seine erfahrenen Kollegen verdienen wollte. Wir sind dennoch am Überlegen, ob wir ihn einstellen sollen. Er war schließlich der einzige Kandidat im letzten Jahr, der sich auf unsere Annonce gemeldet hat.“
    „Den neuen Job haben wir wahlweise für 30 oder 35 oder 38,5 Wochenstunden ausgeschrieben. Kein einziger Kandidat wollte Vollzeit bei uns arbeiten. Teilzeit, auch zu entsprechend weniger Gehalt, war allen Interessenten völlig ausreichend.“
  • . . . unterschiedliche Strategien der Firmen, um mit dem neuen, verschärften Fachkräftemangel umzugehen: „Manche Firmen suchen gar keine Mitarbeiter mehr, sondern lasten nur noch das bestehende Team aus, z. B. Handwerker, Unternehmensberater.“
    „Neue Mitarbeiter werden zu deutlich höheren Gehältern eingestellt, erhalten aber besonders schwierige Aufgaben, die die zusätzlichen Kosten rechtfertigen, z. B. ein Vertriebsmitarbeiter, der in den kommenden Monaten alle Bestandskunden von einer Preissteigerung von 50 (!) Prozent überzeugen muss.“
    „Firmen locken neue Mitarbeiter mit Themen an, die nicht das Gehalt betreffen, z. B. Home-Office, flexible Arbeitszeiten, Dienstwagen, Freizeit, spannende Arbeitsaufgaben, gutes Betriebsklima.“
  • „Die Minderzahl der Unternehmen geht auf den Gehaltswunsch der Kandidaten ein. Viele wissen: Wer nur für Geld kommt, der geht auch wieder für Geld.“

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