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Interview mit Jacques Hirsch
„Wir sehen eine grundlegende Veränderung der Wirtschaftspolitik“
Er ist Absolvent der École Centrale Paris, hat einen Master-Abschluss in Mathematik von der Universität Oxford und blickt auf 26 Jahre Berufserfahrung zurück: Jacques Hirsch ist Teil des Managementteams des Carmignac Patrimoine. Der Mischfonds ist ein Flaggschiffprodukt der französischen Anlageverwaltungsgesellschaft, für die Hirsch seit 2023 tätig ist. Davor war er zwölf Jahre als Co-Manager eines Multi-Asset-Fonds bei Ruffer tätig. Seine Karriere startete Hirsch bei Goldman Sachs in London. GEWINN traf den Experten während einer Stippvisite in Wien.
GEWINN: Schutzzölle, geopolitische Spannungen, ausufernde Staatsschulden – ist das alles Teil einer neuen Realität in der Wirtschaftspolitik?
Jacques Hirsch: Neben geopolitischen Risiken beobachten wir derzeit tatsächlich eine grundlegende Veränderung in der Wirtschaftspolitik. In den 2010er-Jahren haben die Zentralbanken das wirtschaftliche Geschehen dominiert. Niedrige Zinsen und massive Anleihekaufprogramme haben die Märkte über ein Jahrzehnt hinweg geprägt. Heute hat sich das Kräfteverhältnis verschoben: Regierungen spielen eine deutlich aktivere Rolle. Fiskalpolitik – also staatliche Ausgabenprogramme und Haushaltsdefizite – hat an Bedeutung gewonnen. Bemerkenswert ist dabei, dass viele Regierungen selbst in wirtschaftlich stabilen Zeiten expansiv agieren. Die USA liefern dafür ein eindrucksvolles Beispiel: Trotz einer Arbeitslosenquote von rund vier Prozent liegt das Haushaltsdefizit bei etwa sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das bedeutet, dass die Wirtschaft staatlich stimuliert wird, obwohl sie sich bereits in einer relativ starken Phase befindet.
GEWINN: Sehen Sie dabei Inflation als strukturelles Risiko?
Hirsch: Die genannte Entwicklung hat weitreichende Folgen für die Finanzmärkte. Einerseits sinkt die Wahrscheinlichkeit einer klassischen Rezession, da staatliche Ausgaben die Nachfrage stützen. Andererseits erhöht sich gleichzeitig das Risiko anhaltend hoher Inflation. Die Finanzmärkte befinden sich in einer Phase struktureller Veränderungen. Höhere Inflation, stärkere fiskalpolitische Eingriffe und geopolitische Spannungen verändern die Spielregeln für Anleger. Für Anleger ist das eine schwierige Kombination.
GEWINN: Verändert sich auch die klassische Spielregel, dass ein 60/40-Portfolio – also 60 Prozent des Vermögens in Aktien investiert für Wachstum und 40 Prozent in Anleihen für Stabilität – eine ideale Kombination ist?
Hirsch: Dieses Anlagekonzept ist besonders betroffen. Das das 60/40-Portfolio galt über Jahrzehnte als Standard. Lange hat dieses Modell zuverlässig funktioniert, weil sich beide Anlageklassen häufig gegensätzlich entwickelt haben. Sind Aktienkurse gefallen, haben Zentralbanken meist mit Zinssenkungen reagiert – was Anleihen steigen ließ. Heute funktioniert dieser Mechanismus aber weniger zuverlässig. Wenn Inflation steigt oder negative Angebotsschocks auftreten, können Aktien und Anleihen gleichzeitig fallen. Genau dieses Szenario war in den vergangenen Jahren mehrfach zu beobachten. Investoren suchen nach alternativen Möglichkeiten zur Risikostreuung. Denn das traditionelle Gleichgewicht zwischen Aktien und Anleihen funktioniert eben nicht mehr so zuverlässig wie früher. Deshalb gewinnen flexible Multi-Asset-Strategien, alternative Diversifikationsinstrumente und aktives Risikomanagement an Bedeutung. Erfolgreiches Investieren erfordert heute mehr Anpassungsfähigkeit – und ein breiteres Instrumentarium als in der Vergangenheit.


