Hauptinhalt

Interview
„Was jetzt in Europa noch fehlt, ist der Optimismus“
Während beim Gespräch mit Martin Lück, der seit Dezember 2025 als Chef-Kapitalmarktstratege für Deutschland und Österreich bei der Fondsgesellschaft Franklin Templeton tätig ist, im Wintergarten eines Cafés in der Wiener Innenstadt strahlender Sonnenschein den nahenden Frühling erahnen ließ, verdunkelten sich aufgrund der Eskalation des Irankriegs die Wolken an den internationalen Märkten. Wir haben uns dann im Interview aber auf wichtige Aspekte abseits dieses Konflikts konzentriert, weil sich die Sachlage durch das erratische Vorgehen der US-Regierung laufend ändert und damit sinnvolle Überlegungen und Analysen in dieser Hinsicht obsolet sind.
GEWINN: Das bisherige Börsenjahr war sehr turbulent und von Krieg und Krisen geprägt. Was sind abseits dieser geopolitischen Ereignisse, die ohnehin nicht vorhersehbar oder kalkulierbar sind, aus Ihrer Sicht mögliche wichtige Faktoren für die Aktienmärkte 2026?
Lück: Das große Thema für die Märkte ist heuer die Frage, ob wir ein Ende dieser ersten Phase stark steigender Unternehmensergebnisse aus dem Bereich künstliche Intelligenz sehen werden. Ich will nicht sagen, dass sie bereits zu Ende ist bzw. eine Blase geplatzt ist. Das halte ich für voreilig. Aber es gibt schon einige Hinweise darauf, dass wir uns dem Ende dieser ersten Phase zumindest nähern.
GEWINN: Was meinen Sie in dem Zusammenhang mit „erste Phase“? Und was folgt dann in der zweiten Phase?
Lück: Die Entwicklung der künstlichen Intelligenz wird ja häufig mit der Einführung des Internets verglichen. Ähnlich wie damals konnten bisher in der ersten Phase insbesondere jene Unternehmen davon profitieren, die zunächst einmal die notwendige Infrastruktur schaffen, indem sie zum Beispiel die benötigten Computerchips entwickeln und herstellen und Rechenzentren bauen, und jene Unternehmen, die Künstliche-Intelligenz-Modelle zunächst einmal trainieren, um die „Intelligenz“ zu schaffen. Auf diese Pionierphase folgte bei der Entwicklung des Internets dann jene Zeit, in der sich erst die wirklich spannenden Anwendungen dieser neuen Technologie entwickelten. Und in ähnlicher Form erwarten wir das jetzt auch für die künstliche Intelligenz, wo sich erst zeigen wird, ob und welche Anwendungen der KI wirklich zu den erwarteten Produktivitätsgewinnen führen werden. Interessanterweise gibt es dazu Studien, die darauf hindeuten, dass die kommerziell interessanten Anwendungen für KI gar nicht so sehr in Amerika, sondern tatsächlich eher in Asien und in Europa liegen.
GEWINN: Warum nähert sich die Pionierphase der künstlichen Intelligenz einem Ende?
Lück: Zunächst einmal beobachten wir die Entwicklung einer Art „Kreislaufwirtschaft“, wo sich zum Beispiel Nvidia an OpenAI beteiligt und OpenAI im Gegenzug die Produkte von Nvidia kauft. Wenn man als Unternehmen einem anderen Geld gibt, damit es die Produkte kauft … das hat schon ein „Geschmäckle“ und viele Investoren zum Nachdenken gebracht. Ein zweiter Punkt ist, dass die Abstände, mit denen Nachahmer bzw. Second Mover auf den Markt kommen, immer kürzer werden. ChatGPT wurde im November 2022 veröffentlicht, etwas mehr als zwei Jahre später hat dann Deepseek Anfang 2025 für einen Schock gesorgt, weil dieses unbekannte chinesische Unternehmen mit viel geringerem Aufwand ähnliche Ergebnisse wie die US-Firmen erzielen konnte. Und nur zehn Monate später wurde von Google das KI-Modell Gemini 3 präsentiert, das laut Experten einen weiteren großen Sprung in der Entwicklung brachte. Und das sind schon starke Signale, dass wir uns einem Ende der Pionierphase nähern.
GEWINN: Warum ist das aus Ihrer Sicht so entscheidend für die globalen Aktienmärkte 2026?
Lück: Weil das im Prinzip die Essenz dessen ist, was die Aktienmärkte in den letzten Jahren angetrieben hat. Wir sehen da eine sehr starke Konzentration. 40 Prozent der Marktkapitalisierung an den US-Börsen kommen von Technologieunternehmen, und die US-Aktien haben aktuell in den globalen Aktienindizes eine Gewichtung von rund 70 Prozent. Wenn man das durchrechnet, ergibt sich eine Gewichtung von rund 30 Prozent in US-Tech-Aktien. Das ist ein gewaltiges Klumpenrisiko. Und die entscheidende Frage ist, ob es die KI tatsächlich schafft, die erhofften Produktivitätsgewinne und neuen Geschäftsmodelle zu bringen, die die heutigen Investitionen rechtfertigen. Im Moment sieht das aus meiner Sicht für dieses Jahr noch positiv aus. Aber das Gemeine ist, dass wir erst dann wissen werden, ob es eine Blase ist, nachdem sie geplatzt ist. Für den Moment würde ich aber sagen, 2026 sieht grosso modo noch nach einem Jahr aus, in dem sehr gute Aktiengewinne möglich sind, vor allem auch im Technologiebereich.
GEWINN: Wie schätzen Sie die teils hohen Bewertungen an den US-Börsen ein?
Lück: Bewertungsmäßig glaube ich, dass Amerika ziemlich am Limit ist. Das heißt aber nicht, dass damit das Kurspotenzial ausgeschöpft ist. Wenn die Unternehmensgewinne in den USA weiterhin so stark steigen, können auch die Kurse entsprechend stark steigen und den ganzen Markt mitziehen.


