Hauptinhalt

Emerging-Markets-Aktien
„Schwellenländer sind immer noch günstig bewertet!“
Der aktuelle Iran-Konflikt stoppt den Aufwärtstrend der Schwellenländer am Aktienmarkt. James Donald, Leiter der Abteilung Emerging Markets bei Lazard Asset Management, ist aber der Meinung, dass die Trendumkehr hin zu weiteren Kapitalflüssen in die Emerging Markets Bestand hat. Welche Auswirkungen die derzeitige Kriegssituation auf die Schwellenländer hat, welche Szenarien besonders negativ auf die Märkte wirken und wo sich trotz Krise vielversprechende Investmentmöglichkeiten ergeben, hat GEWINN für Sie herausgefunden.
Gewinn: Im letzten Jahr und auch in den ersten Monaten dieses Jahres haben die Schwellenländer am Aktienmarkt eine überdurchschnittlich gute Entwicklung gezeigt. Wie haben sie auf die aktuelle Krise mit dem Iran reagiert?
Donald: Die Schwellenländermärkte haben sich insgesamt besser gehalten, als ich das erwartet hätte. Sie gelten im Vergleich zu anderen Anlageklassen eigentlich als volatiler und risikoreicher. Die Komplikation liegt aber in der Vielzahl der möglichen Szenarien. Wir wissen beispielsweise nicht genau, wie stark die iranische Wirtschaft tatsächlich geschädigt ist oder wie es um die Fähigkeit des Iran steht, die Straße von Hormus längerfristig zu kontrollieren. Sollte eine Blockade über einen längeren Zeitraum bestehen, hätte das bestimmt sehr negative Auswirkungen auf die Aktienmärkte. Die Inflation würde steigen und das weltweite Wirtschaftswachstum sinken. Das gibt Grund zur Sorge. Ich glaube, dass sich Israel und die USA verkalkuliert haben. Es geht hier nicht nur darum, ein paar Hundert Leute an der Spitze einer politischen Struktur auszutauschen. Das Problem sitzt tiefer in den verschiedenen Bevölkerungsschichten des Irans. Ich gehe davon aus, dass der Zustand der politischen und militärischen Unsicherheit eher Monate als nur Wochen dauern wird.
GEWINN: Sind die Schwellenländer stärker betroffen als die Industriestaaten, wenn die Straße von Hormus länger blockiert bleibt?
Donald: Ja, sie sind stärker betroffen, weil der Großteil des Öls, das durch diese Meerenge transportiert wird, nach Asien geht. Ein Teil geht nach Europa und Afrika, aber die überwiegende Mehrheit wird nach Asien exportiert. Auch wenn nur etwa 15 bis 20 Prozent des weltweiten Ölangebots betroffen sind, hat dies einen direkten Einfluss auf den Ölpreis. Ich vermute aber, dass der Iran nicht alle Länder gleich behandeln wird. Die Chinesen, die bisher die größten Abnehmer waren, werden sie vermutlich so gut wie möglich weiterbeliefern wollen. Bei anderen Ländern wird es darauf ankommen, wie nahe sie den USA und Israel stehen. Diesen Ländern könnten sie entweder deutlich höhere Gebühren für die Durchfahrt der Meerenge berechnen oder die Lieferungen ganz stoppen.
GEWINN: Aktuell sehen wir, dass auch die USA die Straße von Hormus blockieren. Es entwickelt sich offenbar ein geopolitischer Kampf um Energie zwischen China und den USA. Wie groß ist das Risiko eines größeren geopolitischen Konflikts?
Donald: Dieses Risiko ist absolut gegeben. China hat sich bisher eher ruhig verhalten, aber ich bin sicher, dass die politische Führung in Peking extrem besorgt ist. Wahrscheinlich versucht sie, hinter den Kulissen gegenüber beiden Seiten deeskalierend zu wirken, da China das Öl dringend benötigt. Das beste Ergebnis für China wäre eine Art von Vereinbarung. Etwa, dass der Iran keine Schiffe mehr angreift, dafür aber mitentscheiden darf, wie viel Öl wohin geliefert wird. Die USA, die eine solche Vereinbarung bestimmt nicht als wünschenswert ansehen würden, stecken mit Donald Trump hier in einer schwierigen Lage fest. Das zeigt auch die erratische Vorgangsweise des Präsidenten. Für die USA gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man bombardiert den Iran, laut eigenen Aussagen Trumps, „zurück in die Steinzeit“, was einen bedeutend größeren Militäreinsatz erfordern würde. Oder man erklärt die Ziele für erreicht und zieht sich zurück, was eine sehr unsichere Situation für die anderen Golfstaaten hinterlassen würde. Es ist eine Phase extremer Ungewissheit.
GEWINN: Kommen wir von der militärischen Lage zu den Ölpreisen. Wie empfindlich reagieren Schwellenländer auf steigende Energiekosten?
Donald: Das ist unterschiedlich. Länder wie Indien oder große Teile Nordasiens wie China, Taiwan und Südkorea sind stark von Energieimporten abhängig und daher besonders anfällig. Auf der anderen Seite gibt es Ölproduzenten wie Malaysia oder viele Länder in Lateinamerika, die weniger betroffen sind oder gar profitieren. Für Europa ist der Effekt höherer Ölpreise insgesamt klar negativ. Beim Ölpreis selbst kann es durchaus noch zu Steigerungen kommen. Preise von 140 oder 150 Dollar pro Barrel halte ich zwar für unwahrscheinlich, aber nicht für ausgeschlossen. In einem solchen Szenario droht eine Kombination aus hoher Inflation und schwachem Wachstum, also ein Rezessionsrisiko für viele Länder. Langfristig könnte die Krise strukturelle Veränderungen auslösen, etwa den Ausbau alternativer Transportwege für Öl oder verstärkte Investitionen in erneuerbare Energien. Allerdings braucht all das Zeit.


