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„Der Kapitalmarkt hat bei KI das Kommando übernommen“
Jürgen Lukasser, LGT Bank Österreich: „Es kommt typischerweise zu einem Wendepunkt, an dem die Erwartungen vom Finanzmarkt, die oft zu optimistisch sind, mit den Erwartungen der Realwirtschaft ab­geglichen werden.“
© LGT/Stephan Huger | Studio Huger

Interview

„Der Kapitalmarkt hat bei KI das Kommando übernommen“

Laut Jürgen Lukasser, Deputy CIO Europe der LGT Bank Österreich, sollte man zwar die Profiteure des aktuellen KI-Booms im Portfolio haben, langfristig sieht er aber die größeren Chancen bei den Anwendern der KI.

Von Martin Mayer

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30.06.2026
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Zum Zeitpunkt dieses Interviews schien der KI-Boom in eine noch heißere Phase zu laufen: Nach dem spektakulären Börsengang von SpaceX, der durch KI-Hoffnungen befeuert wurde, kündigte auch Anthropic, das Unternehmen hinter dem KI-Anbieter Claude, seinen Börsengang an. Für Jürgen Lukasser von der LGT Bank Österreich zeigen sich damit Parallelen zu bisherigen technologischen Revolutionen, die allesamt mittelfristig zu Enttäuschungen an den Kapitalmärkten führten, aber langfristig großes Potenzial hatten.

GEWINN: Kann man in Bezug auf die künstliche Intelligenz tatsächlich von einer technologischen Revolution sprechen oder handelt es sich dabei lediglich um ein mehr oder minder praktisches Softwaretool? 

Lukasser: Eine technologische Revolution ist dadurch gekennzeichnet, dass die neue Technologie wirklich breite systemische Wirkung hat und nicht nur ein Produkt oder eine Dienstleistung betrifft – was man neudeutsch als „general purpose technology“ bezeichnet. Und ich glaube, diese Anforderungen erfüllt die künstliche Intelligenz sehr gut. Und ein weiteres Merkmal einer technologischen Revolution ist, dass hohe Infrastrukturinvestitionen erforderlich sind wie zum Beispiel bei der Entwicklung der Eisenbahn oder der Digitalisierung der Kommunikation rund ums Jahr 2000. Und heutzutage werden viele Milliarden in die Infrastruktur für die künstliche Intelligenz investiert. 

GEWINN: Man hat auch den Eindruck, dass es bei der Entwicklung der KI sehr rasch vorangeht.

Lukasser: Ja, aber ein weiteres Kriterium einer technologischen Revolution ist der lange zeitliche Horizont. Da spreche ich jetzt nicht von Wochen, Monaten oder Quartalen, sondern das wird uns über die nächsten Jahre hinweg begleiten. Und die künstliche Intelligenz wird die Art und Weise, wie Wirtschaft und Gesellschaft funktionieren, in einem erheblichen Maß beeinflussen. 

GEWINN: In welchen Phasen verlaufen technologischen Revolutionen?

Lukasser: In einer ersten Phase wird eine neue Technologie entwickelt, es gibt erste Pilotprojekte. In einer zweiten Phase spielen die Kapitalmärkte eine wichtige Rolle, weil sie die notwendigen Mengen an Kapital aufstellen, um der Technologie zum Durchbruch verhelfen. Und in dieser Phase führt der Optimismus an den Finanzmärkten dazu, dass Überkapazitäten aufgebaut werden, weil es einfach schwer abschätzbar ist, wie viel an Infrastruktur man wirklich braucht. Dann kommt es typischerweise zu einem Wendepunkt, an dem die Erwartungen vom Finanzmarkt, die oft zu optimistisch sind, mit den Erwartungen der Realwirtschaft abgeglichen werden. Und die Historie hat gezeigt, dass es an diesen Wendepunkten zu schmerzhaften Korrekturen an den Finanzmärkten gekommen ist. Typischerweise gibt es erst danach Produktivitätssteigerungen, weil Unternehmen ihre Geschäftsmodelle, ihre Arbeitsabläufe und ihre Managementstrukturen angepasst haben.

GEWINN: In welcher Phase befindet sich denn die KI-Revolution aktuell? 

Lukasser: Wir sind in der Phase, wo der Kapitalmarkt das Kommando übernommen hat, wo großer Optimismus herrscht. Das sieht man auch an den Bewertungen von Unternehmen in diesem Bereich, bei denen sehr gute Zukunftsperspektiven eingepreist werden. Oft ist man da zu optimistisch, weil die Vergangenheit linear in die Zukunft fortgeschrieben wird. Das ist ein Effekt, den man in der Historie in solchen Phasen immer sehen konnte.

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