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Interview
„Anleihen bieten im Vergleich zu Cash einen attraktiven Mehrertrag“
Bei seinem jüngsten Wien-Besuch nahm sich Iain Stealey, International Chief Investment Officer in der Gruppe Fixed Income, Currency and Commodities bei J.P. Morgan Asset Management, zwischen Kundenterminen und einer Präsentation vor einer Investorenrunde Zeit für ein ausführliches Gespräch über die Anleihenmärkte, die aus seiner Sicht heuer einiges zu bieten haben.
GEWINN: An den Aktienmärkten läuft es derzeit sehr gut. Wie sieht das Umfeld für Anleihen aus Ihrer Sicht für das laufende Jahr 2026 aus?
Stealey: Wir sehen ein Umfeld, in dem das Wirtschaftswachstum weiterhin besser als erwartet ausfallen könnte. Trotz einiger Unsicherheiten in Bezug auf geopolitische Themen deuten Frühindikatoren auf ein globales Wachstum von knapp drei Prozent hin, was ein guter Ausgangspunkt für dieses Jahr ist. Und dann pumpen staatliche Ausgaben im Laufe des Jahres noch eine Menge Treibstoff in die Wirtschaft. Etwa in den USA, wo einige Steuerrückerstattungen erwartet werden, von denen die meisten US-Haushalte profitieren sollten, oder große staatliche Investitionen in Deutschland, die dort in den kommenden Jahren anstehen. Auch China unterstützt weiterhin seine Wirtschaft. Es sind also eine Menge allgemeiner fiskalischer Unterstützung in verschiedenen Teilen der Welt zu erwarten, was wiederum das Wachstum fördern dürfte. Dies schafft ein recht positives Wachstumsumfeld zu geben, während gleichzeitig auch die Zinssenkungen einen positiven Einfluss haben dürften.
GEWINN: Sie erwarten also tendenziell sinkende Zinsen, was ja bei bereits laufenden Anleihen zu Kursgewinnen führt?
Stealey: Ja, wir gehen davon aus, dass die entscheidenden Notenbanken wie etwa die US-Fed oder die EZB eher zu einer weiterhin lockeren Geldpolitik tendieren. Daher sollte man sich derzeit keine allzu großen Sorgen darüber machen, dass die großen Zentralbanken in naher Zukunft die Zinsen erhöhen könnten.
Mit der Nominierung von Kevin Warsh als neuem Vorsitzenden der US-Notenbank ist allerdings zu erwarten, dass die Fed mittelfristig durchaus eine etwas restriktivere Grundhaltung einnehmen könnte. Warsh hat sich in der Vergangenheit kritisch gegenüber quantitativer Lockerung und einer zu expansiven Geldpolitik geäußert.
Die Märkte haben auf die Ankündigung bereits mit einer steileren Zinskurve und einem festeren US-Dollar reagiert. Dennoch bleibt unsere zentrale Einschätzung bestehen: Die Fed dürfte weiterhin asymmetrisch agieren – also bei wirtschaftlicher Schwäche schnell stützen, bei überraschend hoher Inflation aber vorsichtiger agieren.
GEWINN: Demnach ist die Inflation unter Kontrolle, denn sonst könnten die Notenbanken nicht auf lockere Geldpolitik setzen, oder?
Stealey: „Unter Kontrolle“ ist vielleicht zu hoch gegriffen. Die Preise sind immer noch erhöht. Aber als Zentralbank betrachtet man die Preisentwicklung im Jahresvergleich. Und diese hat sich stabilisiert. Die Dienstleistungsinflation ist zumindest rückläufig. Die Güterinflation ist zwar angestiegen, aber wenn man sich den Produzentenpreisindex im Vergleich zum Konsumentenpreisindex ansieht, wird deutlich, dass dies ausschließlich auf die Zölle zurückzuführen ist. Und das sollte sich im Jahresvergleich verlangsamen, da die Zölle nur eine einmalige und keine jährlich wiederkehrende Preiserhöhung darstellen. Die Befürchtung, die voriges Jahr im April nach der Verkündigung der Zölle durch den US-Präsidenten Donald Trump aufgetaucht ist, der zufolge die Inflation stark ansteigen könnte, hat sich bislang nicht bewahrheitet. Und die etwas restriktivere Grundhaltung der neuen Fed-Führung könnte mittelfristig dazu beitragen, die Inflationserwartungen weiter zu stabilisieren, sofern keine neuen externen Schocks auftreten.
GEWINN: Und die Befürchtung, die harte Migrationspolitik in den USA würde zu einer Knappheit am Arbeitsmarkt und steigenden Löhnen führen, ist auch nicht eingetroffen …
Stealey: Nein, bislang war noch kein Anstieg der Löhne zu beobachten. Es herrscht derzeit eine Situation am US-Arbeitsmarkt unter dem Motto: „No firing, no hiring“, wonach relativ wenige Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren, aber auch nur wenige neue Arbeit finden. Die Einführung von KI ist für zahlreiche Unternehmen ein guter Grund, aktuell keine Einstellungen vorzunehmen, sodass wir sogar ein negatives Jobwachstum beobachten.


