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Interview
„Weiterhin sehr guter Einstiegszeitpunkt für Small Caps in der Eurozone“
GEWINN hatte die Gelegenheit, mit Caroline Gauthier, Co-Head of Equities und Co-Managerin des EdR-European-Smaller-Companies-Fonds von Edmond de Rothschild AM, bei ihrem jüngsten Wien-Besuch persönlich zu sprechen. Die Aktienexpertin nannte im Interview zahlreiche Gründe, warum gerade kleinere Unternehmen in Europa derzeit aus Anlegersicht besonders interessant sind. Die Folgen des Irankriegs auf die europäische Wirtschaft kann aber auch sie noch nicht abschätzen, weil der weitere Verlauf des Konflikts sehr ungewiss ist.
GEWINN: Die europäischen Aktienmärkte haben sich im Vorjahr sehr gut entwickelt, insbesondere auch europäische Small-Cap-Aktien. In den Jahren davor war das Gegenteil der Fall. Was sind die Gründe für die Rallye der Small Caps in Europa?
Gauthier: In den drei Jahren davor haben Small-Cap-Aktien in Europa unter einer sehr schlechten Stimmung gegenüber Small Caps gelitten, was hauptsächlich auf den rapiden Anstieg der Zinsen zurückzuführen war. Denn viele Investoren glaubten, dass kleinere Unternehmen einen höheren Verschuldungsgrad hätten und damit stärker von steigenden Zinsen getroffen würden.
GEWINN: Stimmt das nicht? Ich habe dieses Argument von vielen Seiten gehört …
Gauthier: Wenn man die Verschuldungsquote, also das Verhältnis von Nettoverschuldung zu Ebitda (operativem Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, Anm.), ansieht, ist diese in der Eurozone bei Small-Cap- und Large-Cap-Unternehmen gleich hoch. Die im Vergleich zu den Large Caps schlechtere Kursentwicklung wurde hauptsächlich durch die schlechte Stimmung in Bezug auf Small Caps verursacht. Denn auch fundamental gesehen hat sich das Gewinnwachstum bei den Small Caps im Wesentlichen ähnlich entwickelt wie bei den Large Caps.
GEWINN: Was hat dann den Stimmungswechsel bezüglich Small Caps in Europa ausgelöst?
Gauthier: Im Vorjahr hat die Stimmung nicht nur in Bezug auf Small Caps, sondern in Bezug auf den gesamten europäischen Aktienmarkt ins Positive gedreht. Es hat sich die Wahrnehmung deutlich gewandelt, hin zu einem Europa, das bereit ist, seine Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen und seine Souveränität zurückzugewinnen. Und außerdem gingen die Marktteilnehmer davon aus, dass sich Europa vor allem auch durch die angekündigten massiven staatlichen Investitionen am Beginn einer wirtschaftlichen Beschleunigung befindet. Das hat dazu geführt, dass etwa die Aktienkurse im Vorjahr in der Eurozone um 22 bis 23 Prozent gestiegen sind und Small-Cap-Aktien mit einem Plus von 24,5 Prozent das sogar noch übertreffen konnten. Generell haben wir im Vorjahr die höchsten Zuflüsse in die europäischen Aktienmärkte seit zehn Jahren gesehen.
GEWINN: Warum sind Small Caps noch besser gelaufen?
Gauthier: Typischerweise können Small-Cap-Aktien dann einen Mehrertrag im Vergleich zu Large Caps bringen, wenn sich der Beginn einer wirtschaftlichen Aufschwungphase abzeichnet. Und diese kleineren Unternehmen profitieren auch stärker von einem wirtschaftlichen Aufschwung in Europa, weil sie in etwa 60 Prozent ihrer Umsätze in Europa und nur 40 außerhalb machen.
Bei den Large Caps ist das Verhältnis genau umgekehrt. Small Caps, die stärker zyklisch geprägt sind, befinden sich daher in der besseren Position, um von einer Konjunkturerholung in Europa zu profitieren. Und wenn man an eine steigende europäische Souveränität denkt, sollte man vor allem den Verteidigungssektor, die kritische Infrastruktur und kritische Rohstoffe, die Elektrifizierung, die Wettbewerbsfähigkeit im Energiebereich und die Digitalisierung im Blick behalten.
In all diesen Bereichen gibt es insbesondere viele kleine und mittelständische Unternehmen, die da erfolgreich aktiv sind.
GEWINN: Bedeutet dies, dass das Potenzial ausgeschöpft ist, oder gibt es Gründe zu der Annahme, dass europäische Small Caps weiterhin eine starke Performance zeigen können?
Gauthier: Ja, ein Grund ist die Bewertung von Small Caps: Trotz der Outperformance im Vorjahr sind Small Caps in der Eurozone aktuell um etwa 15 Prozent geringer bewertet als Large Caps. Das ist besonders günstig, weil typischerweise für Small Caps eine Prämie von 20 Prozent im Vergleich zu höher kapitalisierten Werten gezahlt wird. Damit ist es offensichtlich, dass wir uns bei dieser Anlageklasse weiterhin an einem sehr guten Einstiegspunkt befinden. Ein zweiter Grund ist, dass wir nach einem Jahr der Ankündigungen erwarten, dass heuer ein Jahr ist, in dem sich das auch in einem entsprechenden Gewinnwachstum niederschlägt, das wiederum die Aktienkurse unterstützen sollte.


