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Modern Value Investing
„Für uns ist nicht der niedrigste Preis entscheidend!“
Viele Anleger verbinden mit Value Investing den Kauf von möglichst günstigen, unterbewerteten Aktien. Doch dieser klassische Ansatz hat sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten hin zu einem modernen Value-Investieren entwickelt, das vor allem auf die Qualität des Geschäftsmodells achtet. Heiko Böhmer, Kapitalmarktstratege bei Shareholder Value Management, erklärt im Gespräch mit GEWINN, warum Wettbewerbsvorteile und Wachstumsaussichten wichtiger sind als niedrige Kurs-Gewinn-Verhältnisse, wie sich Burggräben im Zeitalter künstlicher Intelligenz verändern können und woran moderne Value-Investoren gute Unternehmen erkennen.
GEWINN: Was versteht man unter „modernem Value Investing“ und worin liegt der Unterschied zum klassischen?
Böhmer: Beim klassischen Value Investing ist eine niedrige Bewertung meist der zentrale Punkt für ein Investment. Die unterbewerteten Unternehmen weisen oft wenig Wachstum auf. Auch gibt es meist eine Dividende, die ganz attraktiv ausfallen kann. Diese klassische Methode sieht auf den ersten Blick einfach und vielversprechend aus, hat aber in den vergangenen zehn bis zwölf Jahren im Vergleich zum Gesamtmarkt eher schlechter funktioniert. Wachstum hat in dieser Periode die Börse stark dominiert. Deshalb haben wir auch unsere Investmentmethode an die modernen Zeiten angepasst und finden auch in Wachstumsbranchen richtige Value-Unternehmen. Die Bewertung ist uns aber dennoch weiterhin wichtig. Bei einem KGV von 50 würden wir beispielsweise nicht mehr einsteigen. Der entscheidende Unterschied ist aber, dass wir statt der Bewertung die Qualität des Geschäftsmodells für eine Investmententscheidung in den Mittelpunkt stellen. Das moderne Value Investing orientiert sich an der Erkenntnis, dass man bereit sein muss, für Qualität etwas mehr zu bezahlen. Warren Buffett hat das einmal sehr treffend formuliert: Es ist besser, ein wunderbares Unternehmen zu einem fairen Preis zu kaufen als ein mittelmäßiges Unternehmen zu einem wunderbaren Preis. Genau darum geht es. Wer bereit ist, für Qualität einen angemessenen Preis zu bezahlen, wird langfristig mit höheren Renditen belohnt.
GEWINN: Viele Anleger verbinden Value Investing noch immer mit Warren Buffett. Wie stark hat sich dessen Ansatz im Laufe der Jahre verändert?
Böhmer: Die grundlegende Weiterentwicklung kam schon vor Jahrzehnten vor allem durch den Einfluss Charlie Mungers. Das klassische Value Investing nach Benjamin Graham konzentrierte sich stark auf bilanztechnische Unterbewertungen. Graham hat teilweise Unternehmen gekauft, deren Qualität mangelhaft und deren Geschäftsmodell veraltet war. Charlie Munger hat Warren Buffett schlussendlich davon überzeugt, dass für einen langfristigen Investmenterfolg die Qualität eines Unternehmens eine viel größere Rolle spielt als eine grandiose Bewertung. Buffett hat sich deshalb im Laufe der Zeit von der reinen Schnäppchenjagd entfernt. Auch wir orientieren uns genau an dieser Weiterentwicklung. Für uns ist nicht der niedrigste Preis entscheidend, sondern die Kombination aus Qualität, Wachstum und einer vernünftigen Bewertung.
GEWINN: Ein zentraler Begriff im Value Investing ist der sogenannte Burggraben. Warum ist er so wichtig?
Böhmer: Der Burggraben kann als nachhaltiger Wettbewerbsvorteil und wirtschaftlicher Schutzwall eines Unternehmens gegenüber seiner Konkurrenz beschrieben werden. Dieser Faktor ist für ein Investment aus unserer Sicht nicht verhandelbar. Wenn ein Unternehmen keinen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil besitzt, sehen wir keine Chance für ein langfristiges Investment. Ein Burggraben ermöglicht es einem Unternehmen nämlich, mittel- bis langfristig höhere Erträge zu erzielen als die Konkurrenz. Ein Burggraben kann unterschiedliche Formen annehmen. Es kann sich um Markenstärke, Netzwerkeffekte, hohe Wechselkosten oder andere Wettbewerbsvorteile handeln, wenn ein Unternehmen einen Burggraben besitzt. Am Ende geht es darum, dass das Unternehmen durch diesen wirtschaftlichen Schutzwall eine höhere Marge und somit dauerhafte Renditen einfahren kann. Die Frage nach dem Vorhandensein eines Burggrabens ist daher oft unser Ausgangspunkt, wenn wir ein Unternehmen analysieren. Wenn dieser nicht ausreichend vorhanden ist, müssen wir sehr genau prüfen, ob ein Investment überhaupt Sinn macht.
GEWINN: Können Burggräben etablierter Unternehmen durch den Einsatz von Technologie oder künstlicher Intelligenz bedroht sein?
Böhmer: Das ist eine spannende Frage, die wir uns selbst stellen. Anfang des Jahres wurden beispielsweise die Burggräben vieler Softwareunternehmen plötzlich infrage gestellt. Lange Zeit galten hohe Wechselkosten als großer Wettbewerbsvorteil. Wer einmal auf SAP oder Microsoft gesetzt hat, wechselt nicht so einfach das gesamte System. Durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz wird nun diskutiert, ob solche Vorteile dauerhaft Bestand haben. Bei der Analyse eines Börsenunternehmens muss man heute häufiger hinterfragen, wie nachhaltig ein Burggraben tatsächlich ist. Gleichzeitig gibt es weiterhin klassische Burggräben, die auch technologischen Entwicklungen standhalten. Coca-Cola etwa lebt stark von Marke, Image und Lifestyle. Im 21. Jahrhundert könnte man Apple als vergleichbares Beispiel nennen. Apple verkauft zwar Technologie, letztlich aber vor allem Produkte für einen bestimmten Lifestyle. Solche Marken schaffen Preissetzungsmacht. Genau das macht einen starken Burggraben aus. Es ist wichtig, anzumerken, dass Burggräben keinen statischen Zustand haben, sie können breiter oder schmaler werden. Deshalb müssen Investoren laufend überprüfen, ob sie noch intakt sind.


