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Interview mit Christof Kastner, Kastner Gruppe
„Die Mehrwertsteuer-Senkung ist Symbolpolitik“
Christof Kastner leitet die Kastner Gruppe seit dem Jahr 2007 als geschäftsführender Gesellschafter in fünfter Generation. Das selbstständige, mittelständische Familienunternehmen mit Sitz in Zwettl (NÖ) gilt als Spezialist für die Nahversorgung im Lebensmitteleinzelhandel, den Convenience-Bereich sowie für Gastronomie und Großverbraucher. Heute beschäftigt der im Jahr 1828 als Gemischtwarengeschäft gegründete Betrieb 1.000 Mitarbeiter, davon 31 Lehrlinge und hat 2025 rund 308 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet.
GEWINN: Herr Kastner, die Kastner-Gruppe hat 2025 erneut ein Umsatzplus erzielt. Wie fällt Ihre Bilanz für das vergangene Geschäftsjahr aus?
Christof Kastner: 2025 war für uns trotz eines herausfordernden Marktumfelds ein sehr solides Jahr. Wir haben mit über 308 Millionen Euro Umsatz einen neuen Rekord erreicht und konnten um 2,6 Prozent wachsen. Besonders erfreulich ist, dass dieses Wachstum auf Verlässlichkeit, Investitionen und langfristige Kundenbeziehungen zurückzuführen ist. Unser neu eröffneter Abholmarkt Wien Nord punktet beispielsweise mit über 4.800 Weinen von über 300 Winzerinnen und Winzern aus aller Welt, einem 800 Quadratmeter großen Schauraum von Kastner Geschirr&Co und hat sich dank Profiküche und Kochwerkstatt als Treffpunkt für Gastroprofis etabliert. Gleichzeitig sehen wir im Gastronomiegroßhandel auch ein stark wachsendes Zustellgeschäft mit einem Anteil von rund 70 Prozent, was wiederum mit großen Herausforderungen in der Logistik einhergeht. Unser Fuhrpark umfasst mittlerweile über 100 eigene Lkw; wir arbeiten aber bei der Zustellung in Kärnten, Tirol und Vorarlberg auch mit Logistikpartnern zusammen.
GEWINN:Ein wesentlicher Wachstumstreiber ist auch Myproduct.at. Welche Rolle spielt die digitale Vertriebsschiene künftig für die Kastner Gruppe?
Kastner: Myproduct.at ist für uns strategisch enorm wichtig. Das Unternehmen, an dem wir uns vor zehn Jahren beteiligt haben, hat 2025 eines der erfolgreichsten Jahre seiner Geschichte verzeichnet und zweistellig zugelegt. Als „E-Commerce as a Service“-Plattform ermöglicht Myproduct.at Produzenten von nachhaltig produzierten Lebensmitteln und Handwerkserzeugnissen den Zugang zu internationalen Märkten, weil es für diese den gesamten Online-Handel abwickelt. Das fängt bei der Shop-Lösung an und hört bei der Logistik auf. Dazu kommt noch die E-Commerce-Abwicklung für namhafte Marken wie Manner, Dr. Oetker oder Eckes-Granini. Diesen Weg werden wir konsequent weitergehen und Myproduct sowohl technologisch als auch international weiter ausbauen.
GEWINN:Der Biofachgroßhändler Biogast, an dem Kastner ebenfalls beteiligt ist, setzt mit „MeinBioMarkt“ auf ein Franchisemodell im Bio-Fachhandel. Wie sehen hier die nächsten Schritte aus?
Kastner: „MeinBioMarkt“ ist ein Zukunftsprojekt für den stationären Bio-Fachhandel. Das Interesse am Franchise-Modell ist vorhanden, aktuell evaluieren wir konkrete Standorte und Partner. Das gestaltet sich auch deshalb sehr herausfordernd, weil wir hier Ballungszentren präferieren, wo natürlich auch die Mietkosten entsprechend hoch sind. Unser Ziel ist es, bis Ende 2026 drei neue Standorte zu realisieren. Außerdem sind auch Partnerschaften mit bestehenden Bio-Fachhändlern unter dem Dach von „MeinBioMarkt“ geplant.
GEWINN:Kastner beliefert auch 140 selbstständige Nah&Frisch-Kaufleute mit Lebensmitteln und liefert damit einen wesentlichen Beitrag zur Nahversorgung im Land. Diese hat ja zuletzt durch den Rückzug von Unimarkt einen herben Schlag erlitten. Gibt es für Kastner konkrete Schritte oder neue Entwicklungen im Zusammenhang mit Unimarkt?
Kastner: Die Situation rund um Unimarkt ist aktuell stark im Fluss. Wir stehen in Gesprächen und bekommen viele Anfragen, aber derzeit gibt es noch nichts Konkretes zu vermelden. Das Thema ist klar „Work in progress“. Unser Ziel ist es, die selbstständigen Kaufleute bestmöglich zu begleiten und eine tragfähige Zukunft für die Nahversorgung zu sichern. Details können wir dann kommunizieren, wenn sie spruchreif sind.
GEWINN:Apropos spruchreif: Die angekündigten Änderungen bei der Mehrwertsteuer auf einzelne Lebensmittel treten mit 1. Juli in Kraft. Wie beurteilen Sie diese Maßnahme aus Sicht des Handels?
Kastner: Ganz ehrlich? Das ist aus meiner Sicht Symbolpolitik. Die Maßnahme bringt weder eine spürbare Entlastung für Konsumenten noch hilft sie bei der Inflationsbekämpfung. Für den Handel bedeutet sie hingegen einen enormen administrativen und technischen Aufwand. Allein bei Kastner reden wir von hohen Programmierkosten in Höhe von 60.000 Euro. Gleichzeitig ist die Regelung für die Kunden kaum nachvollziehbar, wenn einzelne Produkte begünstigt werden und andere nicht.


